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Auswanderer : Vierzig Jahre Indien

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Martin Kämpchen in den achtziger Jahren im Dorf Ghosaldanga, in dessen Nähe er seit langem wohnt. Bild: Samiran Nandy

Seit 1973 lebt unser Autor auf dem Subkontinent. Er hat die bengalische Sprache gelernt, Literatur übersetzt, den Armen geholfen - und besitzt weder Fernseher noch Kühlschrank. Über den Reichtum einfachen Daseins.

          Angekommen in Indien 1973. Und seitdem nicht zurückgekehrt? - Aha! Das war zur hohen Zeit der Hippie-Invasion. Muss das damals herrlich gewesen sein. Dann nicht mehr von Indien weggekommen, wie? Du krallst dich in einer der Hippie-Enklaven fest und bist damit beschäftigt, dass dein Haar lang bleibt und nicht ausfällt? - Weit gefehlt. Von Anfang an war ich nicht Aussteiger, sondern Einsteiger in das indische Leben. Mich bewegen spirituelle Fragen, ich habe die indischen Religionen studiert, drei Jahre in einem Hindu-Ashram gelebt und danach mit indischen Jesuiten. Ich habe die bengalische Sprache gelernt, habe nicht nur in Madras (dem heutigen Chennai) und Kalkutta gewohnt, also in Großstädten, sondern betreibe seit fast dreißig Jahren Entwicklungsprogramme in zwei Stammesdörfern in West-Bengalen. Ich wollte dieses Leben in seiner Tiefe und Breite erfahren und mit den Menschen zweckvoll zusammenleben, also: einsteigen, nicht am Strand meinen Blütenträumen nachhängen.

          1973, das war noch ein Jahrzehnt vor dem Eintritt nationaler Fernsehprogramme ins Leben der indischen Mittelschicht; heute dudelt es tagein, tagaus im Wohnzimmer wie ein zappeliger Dauergast. Das war noch vor dem Eintritt des Telefons ins private Leben; nur Büros und das Postamt besaßen den Draht nach draußen. Zwanzig Jahre später sprossen die Telefonzellen wie Pilze aus jeder Straßenecke. Heute sind alle verwaist, weil sich die Bevölkerung bis zum analphabetischen Schuhputzjungen innerhalb eines knappen Jahrzehnts mit Mobiltelefonen ausgestattet hat, sie haben das Lebensgefühl revolutioniert. Das kommunikationssüchtige Volk hat genau das Spielzeug bekommen, das es sich erträumt hatte.

          Martin Kämpchen bei einem Vortrag an der Universität von Santiniketan in diesem Jahr.

          1973 war noch vor der massenhaften Produktion von handlichen Generatoren und batteriebetriebenen Backup-Systemen, die den chronischen Strommangel, der das gesamte Land nach wie vor plagt, zumindest für die Mittelklasse erträglich machen konnte. Die ersten zwanzig Jahre konnte ein schwülheißer Tag, durch Licht und Deckenventilator produktiv gemacht, plötzlich zu einem von funzeligen Öllämpchen in seinem Elend nur noch drastischer beschienenen schwarzen Loch verwandelt werden. Mit der Elektrizität schaltete sich der Kopf ab, Schreiben, Lesen, Meditieren oder Nachdenken wichen dem kreatürlichen Überlebenswillen.

          Zwei Wochen für einen Luftpostbrief

          1973 gab es noch ganz unromantische Dampfloks (weil der rußige Qualm in die offenen Fenster hineinwehte) und Züge mit Dritter-Klasse-Abteilen (mit Bretterbänken). Das Wort „Computer“ war noch nicht erfunden, geschweige das Ding selbst, darum geschah alles manuell und eben träge und fehlerhaft: die Buchungen der Züge, die Banktransaktionen, die Papierkriege mit den Büros. Um eine Platzreservierung zu finden, hasteten wir den gesamten Zug entlang und überflogen die ausgehängten Listen an jeder Abteiltür auf unsere (meist phantasievoll falsch geschriebenen) Namen. Das war die Zeit, als in Kalkutta noch wie in London die Doppeldeckerbusse fuhren, aber sonst nichts. Nach und nach kamen Minibusse, Auto-Rikschas, Privatbusse und klimatisierte Luxusbusse hinzu. Damals brauchte ein eingeschriebener Luftpostbrief nach Deutschland zwei Wochen oder länger, ein Briefwechsel also mindestens einen Monat. Die frohen und die tragischen Nachrichten aus der Familie erreichten mich zu einem Zeitpunkt, an dem ich mir nicht mehr sicher war, ob sie überhaupt noch stimmten.

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