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: Aus der Generation der Unbedingten

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Ein alter Mann sitzt an einem Tisch vor einem Café und trinkt aus einer Tasse. Er wird beobachtet, er trifft einen anderen Mann, etwas wird besprochen, während der ganzen Zeit ist eine Kamera auf ihn gerichtet.

          Ein alter Mann sitzt an einem Tisch vor einem Café und trinkt aus einer Tasse. Er wird beobachtet, er trifft einen anderen Mann, etwas wird besprochen, während der ganzen Zeit ist eine Kamera auf ihn gerichtet. So könnte es auch gewesen sein, als der Mossad Adolf Eichmann ausfindig machte, so ähnlich muss die Rote Armee Fraktion den Alltag von Hanns Martin Schleyer ausspioniert haben. Diese beiden so unterschiedlichen Entführungen bilden denn auch die Klammer, zwischen denen diese erste Szene aus Thomas Harlans Film "Wundkanal" steht. Der Mann, der hier unter Beobachtung steht, ist Alfred Filbert, verurteilter deutscher Kriegsverbrecher, seit 1977 wieder auf freiem Fuß. Er steht für die vielen Täter der mittleren Ebene, die nach 1945 unauffällig in die deutsche Nachkriegsgesellschaft zurückkehrten, dort bald wieder wichtige Positionen einnahmen und sich später, wenn sie doch noch belangt wurden, allenfalls "für erzwungene Verbrechen" (Filbert) schuldig erklärten.

          Thomas Harlan, der vergangene Woche verstorbene Sohn des Filmemachers Veit Harlan, hat sein Lebenswerk diesen Tätern der mittleren Befehlsebene gewidmet. Er hat maßgebliche Vorarbeiten für zahlreiche Gerichtsverfahren geleistet. 1984 veröffentlichte er statt eines nie fertiggestellten großen historiographischen Werks den Film "Wundkanal", der bis heute eine Herausforderung und ein Ärgernis darstellt. Seit knapp einem Jahr liegt er endlich auf DVD vor, gemeinsam mit dem unumgänglich dazugehörigen "Notre Nazi", in dem Robert Kramer die Dreharbeiten zu Harlans Film dokumentierte und mit dem er zumindest einige Schlüssel zu einem aus sich heraus sehr schwer verständlichen Experiment mit Bildern und Stimmen gab.

          "Wundkanal" gibt vor, nicht eigentlich ein fertiger Film zu sein, sondern aufgefundenes Filmmaterial, das man bei toten Terroristen gefunden hat, die Alfred Filbert in ihre Gewalt gebracht hatten, um ihn einem Verhör zu unterziehen. Beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg bilden diese Aufnahmen das Asservat Nr. 84. Es wird hier so präsentiert, als gäbe es keinen Regisseur und keine Montage, sondern nur das ungeordnete Material, das in einem dunklen Verlies entstanden ist, mit Alfred Filbert im Zentrum, umstellt von Video- und Filmkameras, Bildschirmen, Fotografien, bedrängt von Stimmen aus dem Off, die ihn auf Situationen aus dem Zweiten Weltkrieg verweisen, als er als Obersturmbannführer der Sicherheitspolizei im Osten im Einsatz war und dort für zahlreiche Morde verantwortlich war.

          Doch Filbert spricht zwar von und für sich selbst, aber er spricht in "Wundkanal" in der Rolle eines Dr. S. - er ist also ein Schauspieler, der mit dem Wissen um seine eigene Biographie eine fiktionale Figur auffüllt, die für den größeren Zusammenhang der nationalsozialistischen Verbrechen steht. In "Notre Nazi" erfährt man später, dass Filbert für diese Rolle 50 000 Mark bekam und dass er das "Erlebnis in der Filmwelt" für den Höhepunkt seines Lebens hielt. Harlan war auf Filbert mehr oder weniger zufällig gestoßen, denn bei seinen Recherchen hatte er eine andere Figur im Sinn gehabt: den ehemaligen SS-Standartenführer Paul Werner, der seit 1951 als Beamter im baden-württembergischen Innenministerium für öffentliche Gebäude zuständig war und den Harlan deswegen mit dem Hochsicherheitstrakt in Stammheim in Verbindung bringt, in dem 1977 drei Anführer der RAF starben - durch Selbstmord, wie die offizielle Todesursache lautet, durch Mord, wie manche Leute bis heute meinen.

          Auf diese Kontinuität will "Wundkanal" vor allem hinaus: dass Mörder aus der NS-Zeit auch Mörder in der Bundesrepublik sind, verbrecherische Beteiligte "in einem Machtgefüge mit langen Hebeln" (Harlan). Man muss sich dabei immer wieder vergegenwärtigen, dass es sich um einen Spielfilm handelt, der zugleich eine hochproblematische, nachträgliche Intervention in einen Diskurs aus dem "Deutschen Herbst" darstellt: Denn das Verhör, dem Filbert in "Wundkanal" unterzogen wird, kann als Rekonstruktion des anderen Verhörs gesehen werden, dem Hanns Martin Schleyer durch seine Entführer unterzogen wurde. In beiden Fällen scheitern die Terroristen, weil sie kein Schuldbewusstsein in dem Subjekt provozieren können, dem gegenüber sie sich als revolutionäres Tribunal verstehen.

          Harlan lässt, wenn man so will, die Schleyer-Entführung anders ausgehen (in "Wundkanal" läuft die Entführung auf ein absichtlich leicht durchschaubares Täuschungsmanöver hinaus), um die Opfertod-These für die Stammheimer zu retten. Aber auch diese verliert sich in den esoterischen historischen Ableitungen, die darauf hinauslaufen, dass Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und die überlebende Irmgard Möller "durch einen ehemaligen SS-Sturmbannführer verlegt und getötet" wurden.

          Mit diesem "Geständnis", das Filbert nach einem vorgegebenen Text ablegt, hat Thomas Harlan seine historische Spekulation überreizt. Aber man kann diese Tatsache besser einschätzen, wenn man "Wundkanal" in den größeren Zusammenhang des Neuen Deutschen Films stellt und ihn nicht, wie bisher zumeist geschehen, als Monolithen sieht. Unschwer ist nämlich zu erkennen, dass Harlan wohl eine Antwort auf Hans-Jürgen Syberbergs "Hitler - Ein Film aus Deutschland" im Sinn hatte. Dort tritt der nationalsozialistische Führer aus einem Puppentheater und einem Echoraum heraus, die ebenfalls auf das ganze zwanzigste Jahrhundert hinauswollen. Harlan setzt dem sein Projekt entgegen, in dem es nicht um die Haupttäter ging, sondern um die Männer von nebenan, um die "Generation des Unbedingten" (Michael Wildt), der sich Harlan als Vertreter einer nächsten Generation des Unbedingten entgegenstellte. Er wollte selbst eine der Geisterstimmen sein, die am Gewissen der Täter nagt (in seinem großen Roman "Heldenfriedhof" hat er das, was in "Wundkanal" noch Terror der Stimme war, in literarische Form verwandelt). Es wäre sehr verdienstvoll, wenn die Edition Filmmuseum seine beiden anderen Filme auch noch zugänglich machen würde: "Torre Bela" und "Souvenance" ergeben zusammen mit "Wundkanal" nämlich ein Triptychon revolutionärer Anmaßung in der Nachkriegszeit. Und zugleich eine Kartographie des Weges von Thomas Harlan durch diese Epoche. BERT REBHANDL

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