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: Auf der berühmtesten Terrasse der Literatur

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Berlin-Grunewald gilt nach wie vor als edelster Abschnitt im Berliner Villengürtel. Auf den Straßen hört man Diplomaten-Englisch und seit einiger Zeit auch viel Russisch. Joschka Fischer hat sich hier auf seine Elder-Statesman-Tage ...

          Berlin-Grunewald gilt nach wie vor als edelster Abschnitt im Berliner Villengürtel. Auf den Straßen hört man Diplomaten-Englisch und seit einiger Zeit auch viel Russisch. Joschka Fischer hat sich hier auf seine Elder-Statesman-Tage niedergelassen; vor der einen oder anderen Villa stehen am Abend Polizeiwagen und sorgen diskret für Sicherheit. In der Erdener Straße wird an diesem Abend das entfernte Rauschen der Stadtautobahn übertönt von gepflegtem Bar-Jazz. Eine Galerie hat geladen.

          Aber das eigentliche Ereignis findet schräg gegenüber statt, in Hausnummer 8. Es ist die Villa des Verlegerpatriarchen Samuel Fischer. Der literarische Erinnerungsort hat nach Jahrzehnten für ein paar Stunden wieder seine Türen geöffnet. Seit langem in Privatbesitz, war das Haus auch den Mitarbeitern des Verlags nicht mehr zugänglich. Und nun stehen sie mit ehrfürchtigen Mienen auf der Terrasse, auf der sich einst Hofmannsthal, Hauptmann, Hesse und Thomas Mann Kaffee und Zigarren zu guten Gesprächen servieren ließen. Mit dem Besitzer und dem Mieter der Bel-Etage hat man sich darauf verständigt, dort fortan exklusive Veranstaltungen des Verlages stattfinden zu lassen.

          Wie kam Samuel Fischer in den Grunewald? In einer ungarischen Kleinstadt 1859 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren, in Wien zum Buchhändler ausgebildet, gründete er 1886 in Berlin den Verlag, der schnell durchschlagenden Erfolg hatte. Fischer verfügte über den sicheren Instinkt für Trends: Mit Ibsen und Hauptmann wurde der Verlag zum Hauptquartier des Naturalismus und der klassischen Moderne.

          Berlin war damals eine rasant wachsende Industrie-Metropole, innerhalb weniger Jahre wurde ein Stadtteil nach dem anderen aus dem Boden gestampft, es muss ein ungeheures Bauen und Lärmen gewesen sein. Kaum erstaunlich, dass es den Verleger bald in den frisch erschlossenen Villenbezirk zog: "Ich mache mir die Illusion, im Grunewald das Leben eines Mannes führen zu können, der auf seinem angestammten Landgut den tollen Sprüngen der Stadt aus beruhigender Entfernung zuschaut", schrieb er 1903 an seinen Autor Arthur Schnitzler. Das "angestammte Landgut" - eine bezeichnende Sehnsucht für den jüdischen Immigranten und Selfmade-Man. Ein Jahr später kaufte er das Grundstück Erdener Straße 8 von einem Onkel Katia Manns, dem Bankier Hermann Rosenberg - verewigt in Thomas Manns Skandalnovelle "Wälsungenblut".

          Als Architekt wurde Hermann Muthesius verpflichtet; kein Freund des historisierenden Prunks. So überzeugt die Villa durch klare, gediegene Formen. Auch die moderne Sportkultur machte sich geltend: Tennisplatz am Haus, um die Ecke hatte die legendäre Isadora Duncan ihre Tanzschule; im nahen Halensee-Bad konnte Hedwig Fischer schwimmen.

          Die Villa wurde zum offenen Literaturhaus mit Festen, Musikabenden und hochkarätigen Gesprächsrunden. Gerhart Hauptmann, dessen Kunstgeschmack erstaunlich konservativ und kaisertreu war, meckerte über die Gemälde an den Wänden: Liebermann, Corinth, Cézanne, van Gogh, Pissaro, Gauguin - Samuel Fischer hatte Geschmack. Robert Walser benahm sich daneben. Er zerschlug die Caruso-Platten auf dem Grammophon-Tisch; Protest gegen "Kulturfetischismus". Und auch Alfred Döblin strapazierte die Nerven des Verlegers, als er spaßeshalber im Gästebuch mit "Goebbels" unterschrieb. Dank des Schwiegersohns Gottfried Bermann Fischer blieb er dem Verlag jedoch erhalten und bescherte ihm den Anti-Grunewald-Bestseller "Berlin Alexanderplatz".

          Heute vermitteln die aufgeteilten Innenräume kaum noch einen Eindruck von der vormaligen Großzügigkeit des Hauses. Dafür blickt man durch die Jugendstil-Flügeltüren hinaus auf eine mächtige, verknorzte Platane im Garten, die schon zu Fischers Zeiten Schatten gespendet hat. Zu den Ehrengästen des Abends gehörte der hundertjährige Hans Keilson. Der älteste lebende Fischer-Autor erinnert sich noch daran, wie er 1933 vom Verleger als Frischling willkommen geheißen wurde: "Ach, Sie sind ja unser junger Autor!" Auch die Verleger-Enkelin Gisela Fischer war gekommen, um ihr Elternhaus in Augenschein zu nehmen. Und hatte ein paar frühe Kindheitserinnerungen aus der Zeit um 1930 mitgebracht. Die Ziegen, die während der Wirtschaftskrise im Garten gehalten wurden, haben ihr damals mehr Eindruck hinterlassen als die illustren Hausgäste. Mit bewegenden Worten erzählte sie vom Tod des Großvaters. Dann las Barbara Hoffmeister aus ihrer jüngst zum 150. Geburtstag erschienenen Biografie Samuel Fischers.

          In diesem Haus versteht man bekannte Zusammenhänge besser und konkreter. Ein Freund Samuel Fischers war der Politiker und Publizist Walther Rathenau. Er veröffentlichte im Verlag viel gelesene Schriften wie "Von kommenden Dingen" und lebte in der unmittelbaren Nachbarschaft; hundert Meter weiter, am anderen Ende der Erdener Straße, wurde er im Juni 1922 von Rechtsradikalen erschossen. Für den vormals "unpolitischen" Thomas Mann, der ihn womöglich in Fischers Villa kennengelernt hatte, war dieses Attentat der Anlass, sich offiziell zur Weimarer Republik zu bekennen - der Anfang seiner zweiten Karriere als politisches Gewissen der Nation.

          Samuel Fischer starb im Jahr nach Hitlers Machtergreifung. Als Verlagsleiter Gottfried Bermann Fischer 1936 in die Emigration ging, lebte die Witwe Hedwig Fischer noch einige Jahre in der Erdener Straße, bevor sie ebenfalls emigrierte, zunächst nach Schweden. Die Villa wurde "arisiert". Der Musikverleger von Richard Strauss erwarb das Haus. WOLFGANG SCHNEIDER

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