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Amerikanisches Fernsehen : Der Wahlkampf des Nachrichtenclowns

Alle mal herhören: Nachrichtensatiriker Stephen Colbert greift mit einer Million Dollar in den amerikanischen Wahlkampf ein Bild: AFP

Der Satiriker Stephen Colbert hat eine Millionen Dollar gesammelt, für ein sogenanntes „Super PAC“. Will er Präsident werden oder reicht es ihm, die Wahl ad absurdum zu führen?

          Ein Super PAC ist eine tolle Sache. Jeder darf eins haben. Und so viel Geld hineinbuttern, wie er oder sie oder die Firma oder die Gewerkschaft es mag. Dafür hat der Oberste Gerichtshof gesorgt, der vor zwei Jahren im Fall Citizens United gegen Federal Election Commission entschied, dass die Gewerkschaften und Unternehmen des Landes ihr Geld nach Belieben einsetzen können, um einen Kandidaten ihrer Wahl ins Abgeordnetenhaus, in den Senat oder auch ins Weiße Haus zu befördern. Ein Bundesgericht beseitigte kurz darauf die letzten Schranken, als es jegliche Begrenzung der Spendenhöhe untersagte. Damit gibt es ein Hindernis weniger auf dem Weg in die Plutokratie. Die Gerichte wollen das allerdings anders sehen. Für sie geht es um Meinungsfreiheit, offenbar jenseits aller finanziellen Machtmittel, Verführungen und Zwänge.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Im Vergleich mit einem althergebrachten Political Action Committee, das komplizierten Regeln unterliegt, ist ein Super PAC also ein geradezu märchenhafter Goldesel. Der darf sich nur nicht mit dem von ihm bevorzugten Kandidaten direkt abstimmen, will heißen, er muss zumindest so tun, als handele er immer aus völlig eigenem Antrieb zugunsten seines Favoriten, und muss jedem, der es zu wissen begehrt, mitteilen, von wem oder welcher Firma das Geld stammt. Wer das nicht unbedingt verraten will, wird jedoch keinerlei Schwierigkeit haben, die Auskunft bis lange nach dem Wahltag hinauszuzögern.

          146 Formblätter und ein „Yeah“

          Unumstritten ist es folglich nicht, das Super PAC. Die meisten Amerikaner bekamen aber wohl gar nicht so recht mit, was da mit ihrem Wahlsystem geschah. Diese Ahnungslosigkeit hat den Nachrichtensatiriker Stephen Colbert nicht ruhen lassen. Der Mann, der in seinem „Colbert Report“ so tut, als wolle er einen rechten Scharfmacher wie Bill O’Reilly rechts überholen, schlüpfte darum einmal mehr in die Rolle des Aufklärers, indem er in seiner Fernsehsendung die Gründung eines eigenen Super PAC bekanntgab. „Dies ist hundertprozentig legal“, versicherte er seinen Zuschauern, die er sogleich um Spenden bat, „und mindestens zu zehn Prozent ethisch.“ Das war im Juni letzten Jahres. Jetzt konnte Colbert verkünden, dass die Millionengrenze überschritten war.

          Der Wahlkontrollbehörde, der Federal Election Commission, meldete er zum 31. Januar auf 146 Formblättern den Betrag von 1 023 121,24 Dollar und stellte im Begleitschreiben die Frage: „Yeah! How you like me now, F.E.C?“ Im Gegensatz zu vielen seiner Konkurrenten aus der politischen Branche führte er auch die Namen der einzelnen Spender auf, unter ihnen Prominenz wie der kalifornische Vizegouverneur Gavin Newsom und Bradley Whitford, bekannt aus der Fernsehserie „The West Wing“. Während Colberts Zuschauer immer deutlicher zu sehen und zu verstehen bekommen, wie ein Super PAC funktioniert, zeigen sich einige Fernsehstationen verunsichert. Als er einen satirischen Werbespot im Bundesstaat Iowa schalten wollte, nahmen ihn zwei Sender in Des Moines an, doch ein dritter lehnte ihn ab. Der Grund: Er verwirre die Wähler.

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