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: Amerikaner im Zoo

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          2 Min.

          Edward und Adam Cohen sind Neffe und Onkel - und sich dennoch nie begegnet. Der junge Edward führt im Jahr 2004 erfolgreich eine Boutique in Berlin. Dort lebte auch Adam in den verhängnisvollen dreißiger Jahren, bevor er plötzlich verschwand. Schon als Kind ahnt Edward, dass das Schicksal Adams für ihn bedeutungsvoll ist, da seine Verwandten ihn ständig mit dem Verschollenen vergleichen. Adam soll sich an seiner Familie schuldig gemacht haben. Was genau während der Judenverfolgung passiert ist, hält die Familie jedoch vor Edward geheim.

          Im Debütroman der 1977 geborenen Schriftstellerin Astrid Rosenfeld kommt zunächst Edward zu Wort, der bei der Mutter und den Großeltern in Berlin aufwächst. Sein Vater - ein Skandinavier namens Gören oder Sören - war nur eine Affäre der Mutter, die noch immer den Richtigen sucht. Auf einen langweiligen rothaarigen Fleischer folgt der geschwätzige Gynäkologe "Professor Doktor Strombrand-Rosselang". Mutter und Sohn sind daher heilfroh, als ihnen im Zoo ein schmucker Amerikaner begegnet. Schnell wird der halbseidene Geschäftsmann, der Elvis so ähnlich sieht, geheiratet, und die stetig weiter verarmende, kleine Familie tourt durch Deutschland, bis der Amerikaner bei einem Unfall stirbt.

          Die Verbindung zwischen den Hauptfiguren Edward und Adam wird nun durch ein Manuskript von Adams Händen hergestellt, das Edward im Nachlass seiner Großmutter findet. Adam erzählt darin von seiner Suche nach dem geliebten jüdischen Mädchen Anna, das in der Pogromnacht von 1938 spurlos verschwunden ist. Bei der Recherche hilft ihm ein Verehrer seiner Urgroßmutter, ein kriegsversehrter Geiger und NS-Karrierist, der nichtsdestotrotz treu zur Cohen-Familie hält. Er beschafft Adam eine Stelle bei Hans Frank, dem "Generalgouverneur" der besetzten deutschen Gebiete in Polen. Mit viel List schafft es Adam von dort aus ins Warschauer Getto, wo er seine Anna vermutet.

          Astrid Rosenfeld hat ein schmissiges Debüt geschrieben, das nicht frei von Kolportage-Elementen und Klischees ist. Da "vibriert Bitterkeit" in einer Stimme, "weicht die Härte ... für einen Moment" aus einem Gesicht, und beim Lachen "fliegt" der Kopf in den Nacken. Natürlich "schleppt" der zackige Gynäkologe Mutter und Sohn in den Zoo und "marschiert" voran, während seine Begleiter "hinterherstolpern". "Adams Erbe" besitzt durch seine griffigen Charaktere und schnellen Pointen zweifellos Unterhaltungswert. Auch das Attribut "tragikomisch" würde zutreffen. Die Tatsache, dass ein schwieriges Thema wie die Judenverfolgung derart konventionell abgehandelt wird, mag dem unbefangeneren Zugang einer neuen Autorengeneration geschuldet sein. Ein Unbehagen bleibt dennoch zurück. JUDITH LEISTER

          Astrid Rosenfeld: "Adams Erbe". Roman.

          Diogenes Verlag, Zürich 2011. 385 S., geb., 19,90 [Euro].

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