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Alfred Kolleritsch : Dichten und gärtnern

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Als Graz in den Sechzigern und Siebzigern die Hauptstadt der Literatur war, war Alfred Kolleritsch ihr Oberbürgermeister. Das Literaturreferat im Forum Stadtpark, das er 1959 mitbegründet hatte, war die Keimzelle der Zeitschrift ...

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          Als Graz in den Sechzigern und Siebzigern die Hauptstadt der Literatur war, war Alfred Kolleritsch ihr Oberbürgermeister. Das Literaturreferat im Forum Stadtpark, das er 1959 mitbegründet hatte, war die Keimzelle der Zeitschrift "manuskripte", deren erste Nummer zur Eröffnung des Hauses 1960 als Matrizenheft mit Gedichten gebastelt wurde. Eine Fortsetzung war nicht geplant. Im November des Vorjahres beging der Herausgeber mit 140 Autorinnen und Autoren im Grazer Schauspielhaus die Fünfzigjahrfeier. Die Jubiläumsdoppelnummer 189/190 umfasste 676 Seiten.

          Von Anfang an - Heft zwei wurde von H. C. Artmann und Gerhard Rühm bestritten - ging der Horizont weit über die Grenzen des Stadtparks und der Steiermark hinaus. Die steirische Kulturleben war damals mehr als nur bräunlich angehaucht, Kolleritsch bezog eindeutig Position: "Ich schreibe mit der rechten Hand, ich denke links." Noch provokanter wirkte sein Faible für radikal moderne Texte im Allgemeinen und die Wiener Gruppe im Besonderen: Auszüge aus Oswald Wieners "Die Verbesserung von Mitteleuropa" trugen Kolleritsch beinah einen Pornographieprozess ein, Günter Grass und Uwe Johnson sprangen ihm bei. Man denunzierte den Deutschlehrer am ehrwürdigen Akademischen Gymnasium bei der Schulbehörde, erfolglos, er blieb bis zu seiner Pensionierung. Den Vorsitz im Forum Stadtpark legte er 1995 nieder, nach 26 Jahren. Von den Diadochenkämpfen hat sich das Haus bis heute nicht erholt.

          Als großzügiger Verkehrspolizist der Literatur regelte Kolleritsch nicht nur, er regte an, ermunterte die Verkehrsteilnehmer zu freundlicher Anarchie. In der bei Droschl erschienenen Festschrift "Das schönste Fremde ist bei dir" nennt Elfriede Jelinek ihn einen "Fallensteller für Texte", aber auch den "Platzanweiser". Der Literaturzirkus ersehnt die durchlässige Ordnungsmacht: "Fredy ist der schreibende Gastgeber, durch den das alles hindurchgeht, wovon er selbst nicht unbeeinflusst bleibt. Er ist das Text-Tor für Menschen."

          Alfred Kolleritsch, der Dichter, fasst es in seinem jüngsten Lyrikband "Tröstliche Parallelen" so: "Er ging durch sich. / Mit nahm er, was in den Dingen war. // Er ließ sie, / baute Gärten, / aus ihrem Blühen / fand er nicht zurück." Das Blühen schloss manche ein, die sich ohne ihn wohl kaum in demselben Geviert gefunden hätten: Ernst Jandl, Barbara Frischmuth, Gert Jonke, Jürg Laederach, Peter Turrini, Friederike Mayröcker, Urs Widmer und natürlich Peter Handke.

          Das Gärtnern blieb dem im steirischen Brunnsee als Sohn des schlossherrlichen Forstverwalters geborenen Kolleritsch so eingepflanzt wie die Freude am Kochen: Auch als Koch ein Überredungskünstler, bringt er seine Gäste mit linder List dazu, zu essen, was sie niemals essen wollten - und es nicht zu bereuen. "Die Pfirsichtöter" (1972) heißt Kolleritschs bekanntester Roman, in dem stets zugleich vom Denken und vom Essen die Rede ist, wie auch die Gedichte eine magische Balance halten zwischen dem Abstrakten und sehr Konkreten, ahnen lassend, dass ihr Autor seine Dissertation über Heidegger schrieb.

          Preise hat Kolleritsch etliche bekommen, darunter den Petrarca- und den Georg-Trakl-Preis. Dem Briefwechsel mit seinem Lebensfreund Peter Handke ("Schönheit ist die erste Bürgerpflicht", 2008) kann man entnehmen, dass Kolleritsch auch ein "Briefschreibegenie" (Handke) ist. In einem Gedicht bekennt er: "Freilich, / das Gewesene / hat uns überholt." Deshalb geht Kolleritsch rastlos weiter, entwickelt neue Namen, wie andere Immobilien entwickeln, pariert mit Witz, wenn ihm einer vorhält, er habe manche übersehen: "Ich bin ja nicht die Gebietskrankenkasse." Da Kolleritsch in dem, was er schrieb und betrieb, stets, um ein Handke-Wort zu verwenden, "inständig" war, herrscht allenthalben Freude darüber, dass er nach einer Sepsis, wie er sagt, "dem Tod ein Schnippchen geschlagen" hat. Am 16. Februar feiert er seinen achtzigsten Geburtstag. DANIELA STRIGL

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