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: Aktualisierung auf Dämon komm raus

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Mit der Eröffnung seiner Intendanz am Schauspielhaus Bochum hatte sich Anselm Weber schwergetan. Voltaires "Candide" geriet zu verspielt, Shakespeares "Sturm" zu grob auf Jugendkultur getrimmt und Christoph Nußbaumeders "Eisenstein" zu brav (F.A.Z.

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          Mit der Eröffnung seiner Intendanz am Schauspielhaus Bochum hatte sich Anselm Weber schwergetan. Voltaires "Candide" geriet zu verspielt, Shakespeares "Sturm" zu grob auf Jugendkultur getrimmt und Christoph Nußbaumeders "Eisenstein" zu brav (F.A.Z. vom 28. September), um gleich an die besten Zeiten des Theaters anknüpfen zu können. Der Anspruch bleibt bestehen und nimmt mit der zweiten Premierenstaffel, die in die Antike hinabsteigt, einen anderen Anlauf: Beide Inszenierungen, "Medea" nach Euripides wie auch "Die Labdakiden", die "König Ödipus", "Sieben gegen Theben", "Die Phoenikerinnen" und "Antigone" zum Familienepos zusammenziehen, versuchen, die mythischen Geschichten in die Gegenwart zu übersetzen. Umstandslos und ohne Rücksicht auf Verluste. Gleich die erste Szene stellt klar, was hier gelten soll. Der Schauplatz ein "Tatort"! Eine Polizistin rollt ein schwarz-gelbes Klebeband aus, mit Kreide werden die Umrisse von zwei Kindern markiert, die Spurensicherung trifft ein, Fotografen blitzen. Die Toten sind schon weg: "Wohin?" fragt Jason. "Ins Leichenschauhaus." Entsetzen. "Mein Beileid!"

          So beginnt "Medea" in "einer Bearbeitung nach Euripides", die sich der tunesische Regisseur Fadhel Jaibi und seine Frau Jalila Baccar ausgedacht haben, und so endet eine Lovestory: Medea hat ihre beiden Kinder erstickt, um an Jason, der sie für Kreusa, die Tochter des Kreon, verlassen hat, die furchtbarste Rache zu nehmen. Es ist die überlieferte Geschichte, nur dass sie im Hier und Heute spielt und nicht weit entfernt, in der Unglücksmetropole Duisburg, ihr blutiges Ende findet. Schimanski, übernehmen Sie!

          Endstation Exil. Dafür hatten sie sich nicht auf den weiten Weg gemacht, die Kolcherin, die in Anatolien zu Hause ist, und der junge Grieche von der Universität Athen, der eine kostbare Handschrift des Korans, in die sich das Goldene Vlies hier verwandelt hat, sucht und bei ihrem Vater fündig wird. Das unbändige Girl entreißt sie dem frommen Alten, der die Tochter schon einem Landsmann versprochen hat, die Liebe zu dem smarten Fremden aber ist so mächtig, dass auch der Bruder, der ihre Ehre retten will, sterben muss. "Vögelnd durch ganz Europa" ziehen die beiden, und als sie schwanger wird, schlägt er der "kleinen Drecksau" gegen den Bauch. Sie landen in Duisburg: als Illegale. Fremd sind sie hier, doch mit der schönen Kreusa lockt Jason auch die Aufenthaltsgenehmigung, die Handschrift taugt als Schmiergeld, denn Kreon, ein zwielichtiger Gangster, hat einen Riecher für krumme Geschäfte und seine Schläger, die nicht zimperlich sind. Medea könnte mit den Kindern gleich nebenan wohnen und den Swimmingpool mitbenutzen. Das würde sie auch vor der Indoktrination durch ein Islamistenpaar schützen, das sich, so sie nur Kopftuch trägt und die Söhne beschneiden lässt, um sie kümmert. Doch von wegen!

          Medea als Migrationskrimi. Klingt einerseits trivial, unterkomplex und klischeelastig, wird andererseits aber so locker, ungezwungen und auch gewitzt gespielt, dass die Integrationsdebatte angetippt und in Sarrazins Bestseller ("interessantes Buch!") geblättert wird. Auf der Einheitsbühne von Kays Rostom, einem fensterlos-steingrauen, poetisch ausgeleuchteten Raum, bleibt von Euripides nicht viel mehr als eine Gerichtsverhandlung in Rückblenden übrig, doch sie wird mit Nadja Robiné als in Zartheit verhärmter Medea und Stephan Ullrich als schnoddrigem Schluri Jason an der Spitze des inspirierten Ensembles prägnant und passagenweise spannend erzählt.

          Auf dem Teppich sitzen vier adrette Kinderchen, die lachen, sich balgen, Karten spielen. Rechts und links schmücken klassizistische Säulen die von Claudia Rohner entworfene Bühne. Theben ist Rom ist Washington, denn "vielleicht", so das Programmheft, sind die Labdakiden "die Kennedys der Antike". Dann holt Katharina Linders Iokaste, die, ganz blonde, elegante First Lady, ein Etui-Kleid nach dem anderen vorführt, die lieben Kleinen ins Weiße Haus, und Paul Herwigs Ödipus tritt ans gläserne Rednerpult, ein dynamischer, glatter Präsident im blauen Business-Anzug, der "Klärung", "Recht" und es "zu meiner Sache" zu machen verspricht: "Denn wer Laios mordete, führt diesen Schlag auch gegen mich. Es geht um unser Glück, um unsern Untergang."

          So beginnen "Die Labdakiden", in denen Roger Vontobel vier Tragödien von Sophokles, Aischylos und Euripides zur "Politsaga" strafft und dabei sofort klarmacht, dass er viel zu viel auf einmal will. Der junge Regisseur bleibt, anders als die lieben Kleinen, nicht auf dem Teppich, auch wenn er zentrale Konflikte scharf ausleuchtet, wenn der alerte Ödipus unter der Last des Wissens zusammenbricht, seine Söhne Eteokles und Polyneikes in antiquierten Militäruniformen um die Macht in Theben kämpfen und Menoikeus vergeblich zwischen sie tritt, Antigone sich nicht davon abbringen lässt, den Bruder zu begraben, und sich Haimon gegen seinen Vater Kreon wendet.

          Doch das Projekt misstraut den eigenen Bilderfindungen und drängt ins große Kino, baut Familienalbumsepisoden und Politikeradressen, Video-Überblendungen und Versatzstücke ein und unterlegt das Geschehen mit einem Soundtrack, in dem noch Antigone, mit dem toten Polyneikes im Arm, zum Klagesong antritt. Mehr Effekte als Affekte und viele schnelle Gleichungen: Der Chor mutiert zu einer Gruppe Journalisten, und Iokaste und ihre Söhne durchwandern als blutverkrustete Tote die Tragödie.

          Am Bochumer Schauspielhaus wird die Antike, auf Dämon komm raus, dem Aktualitätstest unterzogen: das Theater als kleine ("Medea") und große ("Die Labdakiden") Paraphrasendreschmaschine. Wo die Erfahrung des Fremdseins als das zentrale Thema ausgegeben wird, kommt die Fremdheit der alten Stücke dann doch ziemlich modisch unter die Räder. ANDREAS ROSSMANN

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