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: Fatale Fehlerkette

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Jürgen Klopp ist gewissermaßen ein Wortführer von Natur aus, aber der Cheftrainer von Borussia Dortmund steht nicht in dem Ruf, seinen Mitarbeitern den Mund zu

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          Jürgen Klopp ist gewissermaßen ein Wortführer von Natur aus, aber der Cheftrainer von Borussia Dortmund steht nicht in dem Ruf, seinen Mitarbeitern den Mund zu verbieten. Nach dem 2:3 gegen den VfL Wolfsburg tat er es doch. Kaum hatte Schiedsrichter Wolfgang Stark die Partie abgepfiffen, verfügte Klopp auf dem Rasen, er allein werde gegenüber der Öffentlichkeit die Position der Mannschaft vertreten. Das Schweigen der Spieler schien ihm vernünftig, schon zu ihrem Schutz. Besonders Marcel Schmelzer wäre ein begehrter Gesprächspartner gewesen, wenn Klopp nicht mittels Eil-Dekret rhetorisch alles an sich gerissen hätte. Für den Notfall auf der Linie postiert, hatte der Linksverteidiger einen Schuss regelkonform mit dem Bein abgewehrt und musste sich doch wie ein armer Sünder behandeln lassen. Wolfgang Stark schickte Schmelzer vom Feld (35. Minute). Der Schiedsrichter wollte ein Handspiel gesehen haben, das dazu diente, ein Tor zu verhindern, in seinen Augen also: Elfmeter und „Rot“. Es war einer dieser Doppelfehler, die Fehlurteilen auf dem Fußballplatz ihre vielkritisierte Wucht verleihen - und zudem die auffälligste unter mehreren knappen Entscheidungen. Vier davon führten zu Toren, nur der Siegtreffer von Bas Dost (73. Minute) war über jeden Zweifel erhaben.

          Keine Szene erhitzte das Dortmunder Gemüt derart heftig wie jene, die zur Hinausstellung Schmelzers führte. Der Linksverteidiger ging mit viel Geschick zu Werke, ohne gegen die Regel zu verstoßen. Klopp sagte sarkastisch, niemand könne von den Spielern verlangen, „sich die Dinger abhacken zu lassen, um kein Handspiel zu begehen“. Ein falscher Blick, zwei Fehler, dazu das Abseits des Vorbereiters - also strenggenommen drei Fehler in einer Situation. Fußball trägt eben doch Züge eines Glücksspiels, dessen Unwägbarkeiten oft nicht zu durchschauen oder gar zu greifen sind, zumindest nicht ohne Fernsehkamera. „Stark hat das Spiel komplett gegen uns entschieden mit seinem Pfiff“, schimpfte BVB-Sportdirektor Michael Zorc. Den Strafstoß nutzte Diego zum Ausgleich (36.) für seine Mannschaft, die nach dem frühren Gegentor von Marco Reus (6.) chancenlos ausgesehen hatte.

          Für Klopp war das „die entscheidende Szene“ - nicht unbedingt weil seine Elf ein Tor hinnehmen musste, sondern weil der Treffer auf verschiedenen Ebenen Wirkung zeigte: Der Ausgleich widersprach vehement dem Geschehen und machte aus einem zunächst einseitigen Spiel eine Partie, die bis zum Schluss spannend und hart umkämpft war, also auch Nervenstärke erforderte. Mit zehn Mann fiel es den Dortmundern schwer, ihre Dominanz aufrechtzuerhalten, zumal wenige Tage nach dem Spiel in der Champions League gegen den englischen Meister Manchester City. In Unterzahl gerieten sie zweimal in Rückstand, vermochten aber nur einmal auszugleichen - dank eines umstrittenen Elfmeters, den Jakub Blaszczykowski zum 2:2 nutzte (61.). Bei allem Ärger hatte Klopp sich besser im Griff als bei anderen Auftritten und Ausbrüchen, bei denen er es mit Worten und Gesten übertrieben hatte. Diesmal focht er verbal mit dem Florett. Für Schmelzer forderte er „den Friedensnobelpreis“, so besonnen wie sich der Spieler beim Platzverweis verhalten habe. „Er hat einmal kurz gebrüllt, ,es war kein Hand’ und sich dann in Richtung Kabine aufgemacht.“ Mit Blick auf Herrn Stark sagte Klopp, da es „keine Absicht“ gewesen sei, könne er „nur von Pech“ sprechen. In zwölf Jahren als Trainer habe er genug Gelegenheit gehabt, Niederlagen zu akzeptieren, „aber dieses Ergebnis, so wie es zustande gekommen ist, das ist brutal hart für uns“. Der Rückstand des Titelverteidigers auf Bayern München beträgt inzwischen vierzehn Punkte. Schwerer wirkt aus Dortmunder Sicht jedoch der fehlgeschlagene Versuch, dem Liga-Zweiten Bayer Leverkusen näherzukommen. Das ist ihr Ziel, spätestens seit klar ist, dass die Bayern „ihre eigene Saison spielen“, wie Klopp sagt. Vom Bayern- zum Bayer-Jäger geschrumpft, dürfen die Borussen immerhin darauf hoffen, schon am letzten Spieltag der Hinrunde an diesem Sonntag wieder auf Schmelzer zurückgreifen zu können. Nachdem Stark sich die Fernsehbilder gemeinsam mit dem Beobachter des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) angeschaut hatte, gab er noch im Stadion zu, sich geirrt zu haben. „Es lag kein Handspiel vor, und deshalb waren der Strafstoß und die Rote Karte ein Fehler von mir.“ Der DFB sieht das ebenso.

          Obwohl der Internationale Fußballverband der Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters im Zweifel Vorrang einräumt, kündigte der DFB an, der Kontrollausschuss werde „an diesem Montag beantragen, das Verfahren gegen Schmelzer einzustellen“. Leverkusen weiter hinterherlaufen zu müssen ärgert die Dortmunder gewaltig. Ihre Wut fokussierte sich vor allem auf Stark. Aber sie sind nicht allein am Schiedsrichter gescheitert. Auch Diego stand ihnen im Weg: gewitzt, elegant, zielstrebig. Dieses Mal fiel der brasilianische Mittelfeldstratege nicht in erster Linie wegen des Oberlippenbarts auf, der dem früheren Weltstar Rivelino nachempfunden ist. Diego zeigte auch Züge der Klasse seines längst pensionierten Landsmanns; all das, was verschüttet schien beim VfL Wolfsburg. An allen drei Toren beteiligt, nutzte er die Gunst der Stunde, auf sich und die Qualität aufmerksam zu machen, die in Wolfsburg steckt, so etwa als er mit einem Freistoß Naldos wunderbaren Volleyschuss aus der Drehung zum 2:1 auflegte (41.). Mehr Genialität versprühte der Steilpass, der Dost das Siegtor ermöglichte. Diego und seinen Mitstreitern bereitete es kein schlechtes Gewissen, in Dortmund Früchte zu ernten, die sie nicht selbst gesät hatten. Sie taten es einfach, wenn auch erst nach Schmelzers Roter Karte. „Von da an war keine richtige Wertung mehr möglich“, behauptet Klopp.

          Richard Leipold

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