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Euro-Krise : „Die Griechen halten sich für Opfer Angela Merkels“

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„Es gibt gerade ein Zeitfenster für den Wandel in Europa“: Daron Acemoglu Bild: Jared Leeds/Aurora Photos/laif

Eine schwere Krise, wie die in Griechenland, erleichtert eigentlich den institutionellen Wandel, sagt der Industrieökonom Daron Acemoglu. Doch das Reformpotential sei verschleudert worden und die Griechen hielten sich jetzt für ein Opfer Angela Merkels. Ein Interview.

          Herr Acemoglu, nach Ihrer Ansicht sind die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Mitgliedsländern nicht das eigentliche Problem des Euro, sondern die unterschiedlichen politischen Systeme?

          Genau, und hier besonders die Tatsache, dass es in manchen Ländern Korruption und kleine Gruppen mächtiger Politiker gibt, die nicht im Interesse der breiten Bevölkerung handeln. Das gilt nicht nur für Griechenland. Indem man diese Länder und ihre Politiker in Europa integriert hat, gab man diesen Politikern mehr Macht.

          Diese Verhältnisse haben sich über einen langen Zeitraum etablieren können.

          Solche institutionellen Probleme erzeugen im Zeitablauf erhebliche wirtschaftliche Verzerrungen. Wichtiger ist aber, dass sie noch bedeutendere Verzerrungen in Krisen erzeugen, weil die Politiker dann noch größere Anreize besitzen, ihre Bevölkerungen auszubeuten. Man hätte optimistisch sein können, dass Griechenland nach dem Übergang von der Diktatur zur Demokratie effizientere Institutionen schafft. Aber nach der Eingliederung in die Europäische Union und den damit verbundenen Transferzahlungen und den Einnahmen aus dem Tourismus besaßen die Griechen wegen ihres steigenden Lebensstandards keinen Anreiz, bessere Institutionen zu schaffen, zumal es keinerlei Druck von der Europäischen Union gab. So ist eine brandgefährliche Mischung entstanden.

          Ob in Athen die sozialistische Pasok oder die bürgerliche Nea Dimokratia regierte, spielte dann keine Rolle mehr?

          Nein, überhaupt nicht. Die Probleme haben mit einer Partei begonnen und wurden nach jedem Regierungswechsel größer. Beide singen in derselben Tonlage. Meines Erachtens gibt es keinen Unterschied zwischen diesen beiden Parteien.

           Würden Sie Italien in dieser Hinsicht als eine milde Version Griechenlands bezeichnen?

          Wenn man sich anschaut, wie Politik in Süditalien betrieben wird, sieht man keinen wesentlichen Unterschied zu Griechenland. Korruption ist verbreitet und in manchen Gegenden bildet die Mafia de facto die Regierung. Norditalien ist ganz anders und funktioniert viel besser, auch wenn sie dort ebenfalls Probleme haben. Was die Sache kompliziert macht, ist die Tatsache, dass die Politiker aus dem Norden Stimmen aus dem Süden für eine Mehrheit in Rom brauchen. Weil diese Stimmen durch Transfers gekauft werden können, entsteht kein Anreiz, den Süden zu reformieren. Das Problem ist, dass die Korruption im Süden damit auch im Norden korrumpiert.

          Sind solche ineffizienten Staaten in ihrer Misere gefangen oder gibt es einen Ausweg?

          Natürlich gibt es einen Ausweg. Eine der Grundlagen solcher institutionellen Analysen ist die Erkenntnis, dass nichts ewig währt. Reformen sind immer möglich, auch wenn sie schwierig sein mögen. Und es gibt beharrende Kräfte, die sich gegen Reformen stemmen. Der erste Schritt besteht darin, die institutionellen Makel in diesen ineffizienten Staaten zu erkennen und die Beharrungskräfte zu identifizieren. Danach muss man sehen, auf welchem Wege Reformen umgesetzt werden können.

          Erleichtert eine schwere Krise institutionellen Wandel?

          In diesem Sinne gibt es gerade ein großes Zeitfenster für einen Wandel in Europa. Viele Menschen erkennen, dass sie Teile eines unhaltbaren Systems sind, das reformiert werden muss. Allerdings werden diese Reformmöglichkeiten gerade verschleudert.

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