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: „Es macht mir Angst, wie verletzlich die Atmosphäre ist“

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FRAGE: Herr Crutzen, Sie sind Chemie-Nobelpreisträger und bekannt als der Mann, der die Idee vom Anthropozän, einer vom Menschen gestalteten Erdepoche,

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          FRAGE: Herr Crutzen, Sie sind Chemie-Nobelpreisträger und bekannt als der Mann, der die Idee vom Anthropozän, einer vom Menschen gestalteten Erdepoche, wissenschaftlich vorangetrieben hat. Bald werden Sie 80 Jahre alt. Gab es bereits in Ihrer Kindheit und Jugend Hinweise auf Ihren Lebensweg?

          ANTWORT: Mein Lebensweg war alles andere als geradlinig. Ich bin mitten im Zweiten Weltkrieg in Amsterdam aufgewachsen, und meine Familie war ziemlich arm. Ich konnte nach dem Krieg zunächst auch nicht an einer Universität studieren, weil das Geld dafür nicht reichte. Mein Vater war oft arbeitslos, und meine Mutter hat als Reinigungskraft in einer Krankenhausküche gearbeitet. Deshalb habe ich zunächst eine Ingenieursausbildung durchlaufen und war für die Stadtverwaltung von Amsterdam im Brückenbau tätig.

          FRAGE: Aber waren Sie schon als Kind sehr wissbegierig?

          ANTWORT: Zumindest habe ich es schon immer geliebt, die Welt um mich herum genau zu beobachten und sie mir zu erklären, allerdings oft auf sehr eigenwillige Weise. Als ich zum ersten Mal nachts auf der Straße war und einen Mond sah, der nicht voll war wie der Mond in meinen Kinderbüchern, sagte ich zu meinen Eltern: „Der Mond ist zerbrochen.“ Meine Eltern haben mir erzählt, dass ich zitternd an einem offenen Fenster stand, als ich den allerersten Schnee zu sehen bekam. Die Kälte war mir egal, so fasziniert war ich von dem Anblick.

          FRAGE: Wie sind Sie vom Brückenbau zur Atmosphärenchemie gekommen?

          ANTWORT: In den Niederlanden habe ich mich immer nach den Bergen gesehnt. Bei meiner ersten Reise in die Alpen lernte ich auf dem Pilatusberg ein junges finnisches Au-pair-Mädchen kennen - im Februar 1958 heirateten wir dann. Mit meiner Frau zog ich nach Schweden, wo ich für ein Hausbau-Unternehmen arbeitete. Aber ich fühlte mich weiter zur akademischen Welt hingezogen, und deshalb bewarb ich mich auf eine Stelle als Computerprogrammierer an der Universität Stockholm, von der ich durch Zufall in der Zeitung las. Ohne allzu viel über Computer zu wissen, bekam ich die Stelle und begann, Mathematik und Meteorologie zu studieren. So fing alles an.

          FRAGE: Es dauerte nicht lange, und Sie wurden weltberühmt, weil sie davor warnten, dass die Menschheit die Ozonschicht schädigt, die den Planeten als Schutzhülle gegen kosmische Strahlung umgibt. Waren Sie früh ein Umweltschützer?

          ANTWORT: Vor 1970 habe ich mich nicht wirklich für Umweltfragen interessiert. Die generelle Annahme zu dieser Zeit war, dass die Natur unerschöpflich groß ist und die Folgen menschlichen Tuns vernachlässigbar klein. Meine Forschungsarbeiten, wie Stickoxide die Ozonschicht gefährden, und dann die Ergebnisse von Molina und Rowland, dass synthetische Gase wie FCKWs ähnliche Risiken bergen, haben gezeigt, dass diese Annahme nicht stimmt. Etwas später wurde tatsächlich ein saisonales Loch in der Ozonschicht über der Antarktis gemessen. Es bestand die Gefahr, dass wir Menschen eine der Grundlagen des Lebens an Land zerstören. Es war wohl diese Erfahrung, die mich seither zu einem Anthropozäniker gemacht hat.

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