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: Er hat genug

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Sehr weihevoll ging es nicht zu in Jean-Claude Junckers vermutlich letzter Eurogruppen-Pressekonferenz am Montagabend in Brüssel.

          Sehr weihevoll ging es nicht zu in Jean-Claude Junckers vermutlich letzter Eurogruppen-Pressekonferenz am Montagabend in Brüssel. Eher beiläufig warf der luxemburgische Premierminister den Journalisten die Information hin, dass er nicht länger Chef der Eurofinanzminister sein wolle. Er habe seine Kollegen gebeten, „sich um meine Nachfolge zu kümmern“.

          Weder EU-Währungskommissar Olli Rehn noch der Chef des Euro-Krisenfonds, Klaus Regling, fanden danach ein Wort der Anerkennung für den Luxemburger, sondern leierten nur vorbereitete Statements herunter. Auch die Journalisten interessierten sich kaum für die Zäsur, die Junckers angekündigter Rückzug darstellt.

          Spanien, Griechenland, Zypern, Portugal: Die Dauerthemen waren gerade den Journalisten aus den betroffenen Ländern allemal wichtiger als Juncker selbst. Und die einzigen zwei Fragen zu seiner Person beantwortete der scheidende Eurogruppen-Chef unwirsch. Wen er als Nachfolger befürworte? Eher Wolfgang Schäuble oder Pierre Moscovici? Er habe niemanden zu befürworten, das müssten die Minister schon unter sich ausmachen. Und ob ein Medienbericht stimme, wonach er noch bis zur Bundestagswahl weitermache? „Haben Sie nicht gehört, was ich gerade gesagt habe?“ Dann rauschte Juncker mit einem genervten „Farewell, bye-bye“ aus dem Saal.

          Dass er genug hat, ist seit längerem offensichtlich. Immer wieder hat Juncker in den vergangenen Monaten mit dem Gedanken gespielt, auszusteigen. Er ließ durchblicken, er könne sich Angenehmeres vorstellen, als mehrmals im Monat bis spät in der Nacht die Streitereien der Eurofinanzminister zu moderieren. In der Euro-Krise kam hinzu: Immer stärker wurde das Amt, das früher nicht sehr viel mehr als die Leitung von einmal monatlich stattfindenden Treffen bedeutete, zu einem Vollzeitjob. Juncker, immerhin auch Regierungschef eines EU-Staates, musste einen erheblichen Teil seiner Arbeitszeit auf Telefonate mit seinen Kollegen und auf Abstimmungen im und mit dem Brüsseler Apparat aufwenden. Je länger die Krise dauerte, desto weniger wurde ihm seine Arbeit gedankt. Jeder Minister hatte seine eigene Agenda. In den zähen Griechenland-Beratungen der vergangenen Woche ging vor allem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) dem Luxemburger auf die Nerven. Juncker zerschliss sich zudem auch selbst. Vor allem zu Beginn der Krise stand er sich oft genug selbst im Weg. Er brauchte lange, um einzusehen, dass seine humorvoll-geistreichen - und oft genug zweideutigen - Bemerkungen der falsche Weg waren, um die nervösen Finanzmärkte zu beruhigen. Allzu häufig wurde nicht klar, was er in offizieller Mission genau sagen wollte, und bis heute holt ihn immer wieder der Satz ein, den er vor knapp zwei Jahren in einer Brüsseler Gesprächsrunde nur halb im Spaß sagte: „Wenn es ernst wird, muss man lügen.“ Erst seit dem vergangenen Jahr hält er sich in seinen Pressekonferenzen an Sprechzettel, die ihm seine Beamten geschrieben haben - was seine Statements weniger originell, aber auch deutlich berechenbarer macht. Der Grund für Junckers wachsende Unlust hat nicht nur mit der Krise zu tun. Schon vorher hatte er die Schlüsselrolle verloren, in der er sich als seit langem dienstältester EU-Regierungschef immer gesehen hatte: als Vermittler zwischen Berlin und Paris, der Deutschland und Frankreich gleichermaßen gut verstand - und dort gleichermaßen gut verstanden wurde. Juncker ist bis heute verletzt, weil die Bundeskanzlerin und der französische Staatschef Nicolas Sarkozy 2009 gemeinsam dafür sorgten, dass statt seiner der Belgier Herman Van Rompuy erster ständiger EU-Ratspräsident wurde.

          Seit 2005 hat die Eurogruppe einen ständigen Chef, seit 2005 heißt er Jean-Claude Juncker. Er, der im südluxemburgischen Stahlrevier aufgewachsen ist und der Regierung seines Landes seit 1982 ununterbrochen angehört, war aus mehreren Gründen der naheliegende Vorsitzende. Er war schon dabei, als der Euro aus der Taufe gehoben wurde. Er repräsentiert ein kleines Land, das weder dem Norden noch dem Süden des Euroraums zugerechnet wird. Er kennt die Eurostaaten und ihre Regierenden wie kein Zweiter. Keiner seiner präsumtiven Nachfolger hat all diese Eigenschaften, entsprechend schwierig dürfte die Suche nach einem Nachfolger sein.

          Juncker hat jetzt nur das vollzogen, was er im Sommer angekündigt hatte: Er werde das Amt nur noch bis zum Jahresende wahrnehmen. Bis zuletzt hatten etliche Kollegen diese Ankündigung eher als Koketterie wahrgenommen. Von seinem jetzt offiziell gemachten Rückzug wird der Luxemburger indes nun kaum zurücktreten. Dass er sich komplett in sein Heimatland zurückzieht, mag man sich freilich nicht wirklich vorstellen. Mindestens auf zwei im Jahr 2014 freiwerdenden Positionen ist er gut denkbar: der des EU-Ratspräsidenten und der des Kommissionschefs. Zu alt ist er trotz seiner langen politischen Karriere definitiv nicht. Am Sonntag feiert Juncker seinen 58. Geburtstag.

          Werner Mussler

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