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: Ende der Bindestrich-Föderation

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Pressburg, 30. Dezember. Der Kiosk auf dem Prager Wenzelsplatz führte wie immer Zeitungen aus aller Herren Länder - nur keine slowakischen.

          Pressburg, 30. Dezember. Der Kiosk auf dem Prager Wenzelsplatz führte wie immer Zeitungen aus aller Herren Länder - nur keine slowakischen. „Wenn Sie wollen, lese ich Ihnen die tschechischen Zeitungen auf slowakisch vor,“ sagte der Verkäufer. Fast alles, was man im Dezember 1992, als die Tschechische und Slowakische Föderative Republik (CSFR) auf ihr Ende zusteuerte, in Prag über die Slowakei erfuhr, hatte den Filter tschechischer Medien passiert. Die Stimmung gegenüber den Slowaken war feindselig. Die Tschechen gaben ihnen die Schuld daran, dass ihr Staat wieder einmal in Trümmern lag - wie im März 1939, als slowakische Nationalisten im Bündnis mit Hitler ihren separaten Staat ausriefen.

          Vor zwanzig Jahren übernahmen fast alle ausländischen Medien die tschechische Darstellung. Der Dichter-Präsident Václav Havel war der weithin leuchtende Stern des böhmischen Firmaments. Er und seine Mitarbeiter - Freunde aus Dissidententagen wie Jirí Dienstbier, Alexandr Vondra und Petr Pithart sowie sein Fürst-Kanzler Karl von Schwarzenberg - behaupteten innen- und außenpolitisch die Deutungshoheit. Piero Benetazzo, Korrespondent der italienischen „La Repubblica“, verglich Prag damals mit Teheran nach dem Sturz des Schahs: „Wir diskutierten in den Cafés mit den persischen Intellektuellen, die in Paris studiert hatten, statt zu den Mullahs aufs Land zu fahren.“ Die Mullahs der tschechoslowakischen Föderation waren die slowakischen Politiker, die (anders als die Tschechen) erst auf dem Bindestrich in der Bezeichnung der Föderation und schließlich auf nationaler Souveränität bestanden hatten. In der Neujahrsnacht 1992/1993, als ihr Traum in Erfüllung ging, trat der europäische Binnenmarkt in Kraft - der freie Verkehr von Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital innerhalb der zwölf Mitgliedstaaten der EG. Europa kam voran. Die Slowakei, so hatte es den Anschein, marschierte im Stechschritt zurück in Kleinstaaterei und Nationalismus.

          Er könne sich vorstellen, sagte Havel, als er im Juni 1991 mit François Mitterrand in Prag die bald darauf sanft entschlafene „Confédération européenne“ aus der Taufe hob, „dass Europa innerhalb von fünfzehn bis zwanzig Jahren wirklich zu einer einzigen großen, konföderativen Einheit wird“ - „vom Atlantik bis zum Ural“, wie Mitterrand hinzufügte. Und da sollte ausgerechnet der Umbau der Tschechoslowakei aus einer Bindestrich-Föderation in eine Konföderation misslingen? „Parlez-vous tchécoslovaque?“, fragte Mitterrands Kulturminister Jack Lang am Rande der Konferenz einen Mitarbeiter der französischen Botschaft. Es störte die Eliten in den Hauptstädten des Westens, dass sie es bei den sogenannten Tschechoslowaken nicht mehr mit einem, sondern mit zwei Völkern zu tun hatten. Niemand wollte eine neue Grenze in Europa. Ein Besuch der 350 Kilometer entfernten slowakischen Hauptstadt Pressburg war im Konferenz-Programm Havels und Mitterrands nicht vorgesehen.

          Der Tschechoslowakismus der Zwischenkriegszeit war passé, aber mit der Vorstellung von einer unabhängigen Slowakei konnte sich auch Havels Bürgergesellschaft nicht abfinden. Die Dissidenten an der Macht, die in den späten sechziger Jahren selbst noch erlebt hatten, wie rasch die zaghafte Demokratisierung unter der reformkommunistischen Führung die nationalen Ambitionen der Slowaken beförderte, hielten Demokratie und Nationalismus für unvereinbar. In einem Gespräch, das im November 1992 in Prag geführt wurde, gab auch Václav Klaus zu, den Emanzipationsprozess der Slowaken zunächst „nicht genügend verstanden“ zu haben: „Das war wahrscheinlich der gemeinsame Fehler aller Politiker in der tschechischen Politik.“

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