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: Ende der Bindestrich-Föderation

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Würde es die Tschechoslowakei heute noch geben, wenn die Wähler anders entschieden hätten? Es hätte anders kommen können, wie das belgische Beispiel zeigt. Vielleicht wäre die Auflösung der Föderation später erfolgt, nach einer zermürbenden Agonie, vielleicht auch gar nicht. Dass es zu einer raschen Trennung kam, lag an den Ministerpräsidenten der beiden Teilrepubliken, Václav Klaus und Vladimír Meciar. Ihre politischen Positionen waren unvereinbar. Klaus trat für einen zentralistischen Staat mit einem Mindestmaß an Befugnissen und starken lokalen Selbstverwaltungen ein. Meciar plädierte für eine dualistische Lösung. Klaus wollte eine „Marktwirtschaft ohne Adjektive“, Meciar einen öko-sozialen „dritten Weg“. Die freie Marktwirtschaft, meinte er, würde die Slowakei ruinieren. Klaus warnte, der „dritte Weg“ der Slowaken würde in der Dritten Welt enden. Beinahe sollte er recht behalten: Unter Meciar verkam das Land zum Armenhaus Europas, erst mit den marktwirtschaftlichen Reformen, die zehn Jahre später von den Konservativen eingeleitet wurden, setzte das rasche Wirtschaftswachstum ein, das die Slowakei dazu befähigte, 2009 den Euro zu übernehmen.

Die Unvereinbarkeit ihrer politischen Positionen hinderte Klaus und Meciar jedoch nicht daran, sich rasch und pragmatisch auf eine friedliche Teilung der Föderation zu einigen. Sie trafen sich zwei Tage nach der Wahl in der Brünner Villa Tugendhat. Das Gespräch endete in den frühen Morgenstunden. Danach trat Klaus vor die wartenden Journalisten und sagte : „Die Föderation ist verloren.“ Meciar schilderte das Gespräch später so: „Wir haben uns zuerst gefragt, ob wir fähig wären, diesen Staat mit friedlichen Mitteln zu bewahren. Die Antwort war nein. Die zweite Frage war, ob wir bereit wären, Gewalt anzuwenden. Die Antwort war wieder nein. Es blieb also nur mehr übrig, einen Weg zur Teilung des Staates zu finden.“ In den verbleibenden sechs Monaten bis zum Ende der CSFR wurden 28 Verträge ausgearbeitet, die die Auflösung des gemeinsamen Besitzstandes regelten. Als in der Neujahrsnacht in Pressburg Zehntausende Slowaken bei klirrender Kälte ihren neuen Staat begrüßten, ertönte nach der Hymne und dem Donauwalzer aus den Lautsprechern „A Hard Day’s Night“. Am Neujahrstag versammelten sich die tschechischen Abgeordneten, um ihren Eid auf den neuen Staat abzulegen.

Die ursprünglich vereinbarte Währungsunion hielt dem Druck der Märkte nicht stand. Schon vor der Teilung hatten viele Slowaken ihre Kronen in Fremdwährungen umgetauscht oder ein Konto in der Tschechischen Republik eröffnet. Mitte Januar 1993 stellten deutsche und österreichische Banken den Kauf von Kronen ein. Um einen Rückfluss zu verhindern, beschränkte Prag den zulässigen Kronenimport. Die Kapitalflucht aus der Slowakei verstärkte sich, die Devisenreserven der tschechischen Nationalbank schwanden. Am 8. Februar begann der zuvor angekündigte Währungsumtausch im Verhältnis 1:1. Die Banknoten wurden abgestempelt, sieben Tage lang wurden alle Konten gesperrt, nur Löhne und Gehälter durften ausbezahlt werden.

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