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Einkommensunterschiede : Die Ungleichheit in Amerika wächst

Ende eines Lohnstreiks: Statt 15 Dollar Stundenlohn bekommt dieser Demonstrant in Chicago die Härte des Gesetzes zu spüren. Mitarbeiter von Fast-Food-Ketten wie McDonalds und Burger King haben in mehr als 150 Städten in Amerika für höhere Löhne demonstriert. Einige Teilnehmer wurden festgenommen. Bild: Reuters

Nur die obersten 10 Prozent profitieren von steigenden Einkommen, zeigt eine Untersuchung der amerikanischen Notenbank. Seit der Finanzkrise gibt es insgesamt eine langsame Erholung.

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          Die Einkommensunterschiede in den Vereinigten Staaten haben sich in den vergangenen drei Jahren deutlich verstärkt. Das durchschnittliche Familieneinkommen stieg real, also um Preissteigerungen bereinigt, von 2010 bis 2013 zwar um 4 Prozent. Dieser Zuwachs kam aber nur bei den obersten 10 Prozent an, deren Einkommen im Durchschnitt um 10 Prozent auf 397.500 Dollar stiegen. In mittleren Einkommensklassen stagnierten die Einkommen, während sie bei den unteren Einkommensklassen sanken. Das zeigt eine statistische Erhebung der Notenbank Federal Reserve zur Finanzlage von Familien, die die Fed alle drei Jahre durchführt.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die Untersuchung verdeutlicht, wie sehr die Finanzkrise die finanzielle Lage der privaten Haushalte in Mitleidenschaft gezogen hat und wie lange es dauert, bis diese Verluste aufgeholt sind. Selbst das Durchschnittseinkommen in der höchsten Einkommensklasse liegt noch niedriger als 2007 direkt vor der Krise.

          Reiche Familien halten relativ mehr Aktien und profitieren gerade

          Dass in der zögerlichen Wirtschaftserholung derzeit besonders die reichen Familien profitieren, ist verständlich. Sie halten relativ mehr Aktien und andere Wertpapiere als ärmere Haushalte. Wie in jedem Aufschwung greift die Erholung indes zunächst an den Aktien- und Finanzmärkten, bevor sie mit der Erholung des Arbeitsmarktes auch bei ärmeren Bevölkerungsschichten ankommt. Diese stufenweise Entwicklung im Aufschwung erklärt zumindest teilweise die Unterschiede in der Einkommensentwicklung während der vergangenen drei Jahre.

          Die Datenanalyse der Fed betont zugleich den längerfristigen Trend, dass in den vergangenen Jahrzehnten der Faktor Kapital höhere Erträge erzielte als die Arbeit, was die Einkommensunterschiede verstärkt. Das bestätigt zahlreiche andere Studien zu dem Thema. In einer Klarstellung gegenüber anderen Studien zeigen die Ökonomen der Notenbank, dass die Zuwächse sich nicht auf das oberste ein oder ein halbes Prozent der Familien beziehen, sondern auf die obersten 3 Prozent. Deren Anteil an allen Einkommen stieg in den vergangenen drei Jahren von 27,7 auf 30,5 Prozent, liegt damit aber noch niedriger als im Jahr 2007.

          Die Vorsitzende der Notenbank, Janet Yellen, hatte im Frühjahr in einer Anhörung vor dem Kongress die wachsende Ungleichheit der Einkommen als einen besorgniserregenden Trend bezeichnet. Yellen nannte als Gründe die hohe Arbeitslosigkeit, aber auch den technischen Fortschritt und die Globalisierung. Der Fokus der Fed unter Yellen liegt bislang darauf, durch eine expansive Geldpolitik die Arbeitslosigkeit zu drücken.

          Gemäß der Fed-Datenanalyse wächst die Ungleichverteilung auch bei den Nettovermögen der Familien, das insgesamt im Durchschnitt konstant blieb. Größere Zuwächse erzielten nicht die obersten 20 Prozent der Vermögensskala, sondern die 20 Prozent darunter. Darin spiegelt sich vor allem die Erholung der Hauspreise, weil Hausbesitz in den mittleren Vermögensklassen den wichtigsten Vermögenswert darstellt.

          Als eine positive Entwicklung zeigt die Untersuchung, dass die Familien mit dem Abbau der Verschuldung und vielfach Überschuldung gut vorangekommen sind. In der Summe sank das Verhältnis von Schulden zu Einkommen von 124,7 Prozent im Jahr 2010 auf 104,6 Prozent im vergangenen Jahr. Damit liegt diese Quote sogar niedriger als die 111,6 Prozent im Jahr 2004.

          Fast-Food-Streik für 15 Dollar die Stunde Die Einkommensungleichheit treibt in den Vereinigten Staaten vor allem die Debatte über Mindestlöhne an. Mitarbeiter von Fast-Food-Ketten wie McDonald‘s und Burger King haben schon Ende vergangener Woche mit Streikaktionen in mehr als 150 Städten in den vereinigten Staaten für höhere Löhne demonstriert. Sie fordern zudem das Recht ein, sich gewerkschaftlich zu organisieren (F.A.Z. vom 5. September). 19 Teilnehmer eines Sitzstreiks auf dem New Yorker Times Square wurden festgenommen. Nach Angaben der Veranstalter soll es im ganzen Land an die 500 Festnahmen gegeben haben. Zum teil sollen die Demonstranten den Betrieb in den Restaurants verhindert haben. Die Bewegung „Fight for 15“ kämpft für die Erhöhung des Stundenlohns auf 15 Dollar. Nach Angaben der Gewerkschaft Service Employees International Union verdienen derzeit Arbeiter in der amerikanischen Fast-Food-Industrie im Schnitt weniger als 8 Dollar pro Stunde, und laut einer Studie des Economic Policy Institute leben fast 17 Prozent der Beschäftigten in der amerikanischen Gastronomie unterhalb der Armutsgrenze. Die landesweite Streikaktion ist Teil einer größeren Bewegung in den Vereinigten Staaten die den gesetzlichen Mindestlohn erhöhen will. Gegenwärtig schreibt der Bund 7,25 Dollar pro Stunde vor, die einzelnen Gliedstaaten legen zum Teil höhere Löhne fest. Im politischen Washington fordern die Demokraten und Präsident Barack Obama eine Anhebung des nationalen Mindestlohns von 7,25 auf 10,10 Dollar je Stunde. Entsprechende Gesetzentwürfe scheiterten bislang am Widerstand der Republikaner. In 38 Bundesstaaten gab es in diesem Jahr Gesetzesinitiativen, den regionalen Mindestlohn anzuheben. Doch nur in elf Bundesstaaten einschließlich der Hauptstadt Washington waren die Befürworter erfolgreich. In fünf Bundesstaaten in den Vereinigten Staaten werden bei der Kongresswahl im November die Wähler über einen höheren regionalen Mindestlohn entscheiden. (pwe./Reuters)

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