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: Ein veritabler Wirtschaftskrimi

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Damit hatte Reinhold Schweppe nicht rechnen können. Als der neue Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl am 7.

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          Damit hatte Reinhold Schweppe nicht rechnen können. Als der neue Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl am 7. November vergangenen Jahres Papst Benedikt XVI. aus Anlass der Überreichung seines Beglaubigungsschreibens seine Aufwartung machte, überraschte der Papst ihn nicht nur mit einer Eloge auf das konstruktive Verhältnis von Staat und Kirche in Deutschland. Benedikt empörte sich auch über Prostitution und die ungehemmte Verbreitung von Erotik und Pornographie im Internet. Abhilfe erbat sich das Kirchenoberhaupt aber nicht vom Staat. „Der Heilige Stuhl wird sicherstellen, dass die katholische Kirche in Deutschland in aller Klarheit und Entschiedenheit diesem Übel entgegentreten wird“, beschied der Papst den verdutzten Diplomaten.

          In der Tat galten die Worte dem Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz - besonders deren Sekretär, dem Jesuiten Hans Langendörfer, sowie jenen elf Bischöfen, denen gemeinsam mit der Soldatenseelsorge Berlin und dem Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) die Verlagsgruppe Weltbild gehört. Dieses Unternehmen aber, so war die Botschaft des Papstes zu lesen, habe seine Existenzberechtigung als katholisches verwirkt. Zum Beweis hatten sich in den Wochen zuvor Internetforen und Zeitschriften, die sich gewöhnlich aus mehr oder weniger trüben Quellen am rechten Rand der katholischen Kirche speisen, in detailreichen Schilderungen ergangen, wie Druckwerke erotischen oder pornographischen Inhalts über den Online-Buchversand von Weltbild zu erstehen seien. Überdies, so streuten ehemalige Mitarbeiter seit Monaten, produziere das katholische Unternehmen über eine seiner Verlagsbeteiligungen sogar pornographische Literatur.

          Doch nicht nur damit sollte nach den päpstlichen Worten nun Schluss sein. Die Ermahnungen aus dem Vatikan galten vielmehr jenen Bischöfen, die trotz der Anti-Weltbild-Kampagne, die punktgenau Ende September und damit unmittelbar nach dem Besuch Benedikts in Deutschland eingesetzt hatte, noch immer nicht davon überzeugt waren, dass nur eine Veräußerung der Unternehmensgruppe der Kirche zum Heil gereichen könne. Nicht einmal zwei Wochen später meldeten die Gesellschafter pflichtbewusst Vollzug nach Rom. „Weltbild wird verkauft“, so lautete der Beschluss der Gesellschafter. Doch an wen - und warum gerade jetzt, zumal die innerkirchliche Kritik an der inhaltlichen Ausrichtung der Weltbild-Gruppe den Aufstieg des in Augsburg ansässigen Unternehmens von einem chronisch defizitären Zeitschriftenverlag zum mittlerweile drittgrößten Online-Versandhändler in Deutschland von Beginn an begleitet hatte?

          Noch Mitte der achtziger Jahre musste das Unternehmen von den Gesellschaftern mit Kirchensteuermitteln vor dem Konkurs bewahrt werden. Doch mit dem Trierer Bischof Hermann Josef Spital als dem Vorsitzenden der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz im Rücken sollte sich der Niederländer Carel Halff, der schon 1975 in die Geschäftsführung von Weltbild eingetreten war, von nun an als Meister seines Fachs erweisen. Durch den Ausbau des Versandhandels, geschickte Allianzen mit Buchhandelsketten und die frühe Orientierung auf Internet und elektronische Medien machte Halff im Verlauf von zwei Jahrzehnten aus einer Klitsche ein Vorzeigeunternehmen. Die Gesellschafter ließen die Geschäftsführung nicht nur gewähren, indem sie in den meisten Jahren kein Geld sehen wollten. Rückenwind für die Expansion von Weltbild kam außer aus Trier vor allem aus dem Erzbistum Köln. Periodische Kritik an der mit inhaltlicher Beliebigkeit einhergehenden Expansion von Weltbild, wie sie etwa in dieser Zeitung schon Ende der neunziger Jahre formuliert wurde, scherte selbst den Kölner Kardinal Meisner wenig - zumal die Geschäftsführung ihre Kritiker geschickt ruhigzustellen wusste.

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