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Rainald Goetz zum Sechzigsten : Ein Hochfrequenztyp mit Füller im Club

Auf der Buchmesse trifft man ihn natürlich auch: Rainald Goetz, aus seinem Buch „Roman Holtrop“ vorlesend Bild: Pilar, Daniel

Er hat nie aufgehört, sich mit Verve der Gegenwart zu stellen: Zum sechzigsten Geburtstag des Schriftstellers Rainald Goetz.

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          „Komm her, Sternschnuppe“, stand in weißen Buchstaben auf dem orangefarbenen Umschlag von „Rave“, dem Buch, das Rainald Goetz 1998 über das Nachtleben geschrieben hat. Das klang poetisch und sexy. Jedenfalls hätte man damals nichts dagegen gehabt, wenn es, draußen im Nachtleben, jemandem eingefallen wäre, „Komm her, Sternschnuppe“ zu einem zu sagen. Doch war das nicht alles. Denn gleichzeitig brachte dieser Satz umwerfend genau auf den Punkt, worum es in „Rave“ ging: um den größenwahnsinnigen Versuch, den Augenblick einzufangen, während dieser schon dabei war, zu verglühen; um das Protokoll des allergegenwärtigsten Moments, ohne dass klar war, was als Nächstes kommen würde.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Goetz, selbst zerrissen zwischen totaler Hingabe an den Rausch und Notizbuchdistanz, war eine Art Gewährsmann an den Aufmerksamkeitsfronten der Nacht, einer, der sich hineinstürzte ins Erlebnis und trotzdem schaffte, es zu durchdringen. Das muss, wäre man dabei gewesen, in den vollen Technoclubs manchmal komisch ausgesehen haben: „Später stand ich im Getümmel, und mein Füller huschte blau über das gewackelte Papier vor mir.“ Ein Hochfrequenztyp mit Füller im Club. Dass es um Körper und vor allem um DJ-Musik ging, steigerte den Flüchtigkeitsfaktor des Erlebten nur noch und erklärt wohl einen Teil der Faszination, die er den „Mix, Cuts & Scratches“ seines DJ-Freundes Westbam entgegenbrachte. „Die Schwierigkeit war einfach: wie müsste so ein Text klingen, der von unserem Leben handelt? Ich hatte eine Art Ahnung von Sound in mir, ein Körpergefühl, das die Schrift treffen müsste.“

          Hinein ins „Journalististan“

          Rainald Goetz hat nicht aufgehört, sich der Gegenwart zu stellen. In „Abfall für Alle“ führte er als früher Blogger ein Jahr lang Tagebuch im Internet und verbeugte sich vor dem Systemtheoretiker Niklas Luhmann. Wer das „Jetzt“ wolle, müsse den Wörtern freien Lauf lassen und ein Medium für den Fluss der Wörter finden, so Goetz, der die Kunst zur Praxis erklärte, dieses Medium zu sein. In „Klage“, dem Blog für „Vanity Fair“, später auch in „loslabern“, begab er sich hinein ins „Journalististan“ der Hauptstadtpresse, war mittendrin und rang gleichzeitig um Abstand.

          Er saß im Parlament. Er saß in der Bundespressekonferenz. Bei einem Merkel-Auftritt im Deutschen Historischen Museum. Er war bei „Contemporary Fine Arts“, in der U-Bahn, bei Dussmann, im Justizgebäude am Lenbachplatz in München. Er war rückblickend irgendwie überall, absolvierte ein irrwitziges Pensum, suchte den „politisch-journalistischen Komplex“ an den unterschiedlichsten Orten auf und rezensierte das dazugehörige Personal, unerbittlich, oft böse.

          Und als vor knapp zwei Jahren dann „Johann Holtrop“ erschien, sein Kapitalismus-Roman über den gleichnamigen Chef des Medienkonzerns Assperg mit der Führungsphilosophie: „Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, aber rund laufen sollte es schon“, konnte man sehen, wie all dieses Wissen über Macht und Medien in den Roman hineinfloss und ihn nicht nur zu einer brillanten Machtanalyse machte, sondern zugleich etwas war, das man bei Rainald Goetz so bisher nicht wahrgenommen hatte: nämlich sehr komisch. „Unter“ und „Ober“ heißen in „Johann Holtrop“ die verachteten Figuren im hierarchischen Unternehmensgefüge, die nach der „Bereits veranlasst“-Devise handeln: ein grotesker Wettlauf, die Wünsche des Chefs in vorauseilendem Gehorsam zu erfüllen, noch bevor dieser sie überhaupt geäußert oder auch nur gekannt hat.

          Sehr wach und recht nervös

          In Berlin kann es einem passieren, dass, wenn man die Straße entlanggeht, plötzlich Rainald Goetz mit dem Fahrrad an einem vorbeirauscht oder vorne an der Ampel steht. Er fährt meistens ziemlich schnell. Oder er bremst ab, weil er jemanden sieht, den er kennt, und diskutiert dann, wild gestikulierend, hochnervös, umgetrieben von allem, was ihn umgibt, eine Weile lang an einer Häuserecke. Nie sieht er abwesend aus oder verträumt, immer über alle Maßen wach, involviert, präsent.

          „Es beginnt mit einer Hassempfindung“, waren die ersten Worte, mit denen er im Mai 2012 an der FU Berlin seine Vorlesung zur Heiner-Müller-Gastprofessur eröffnete: „Am Rad morgens an der Ampel eng im Pulk der wartenden Fußgänger neben einer Frau, die ruhig und breit und komplett arezeptiv dasteht, nichts von dem merkt, was um sie herum vorgeht, denn natürlich hat sie ihre Welt abpanzernde Privatsendungsstöpsel im Ohr, hört nichts, merkt nichts, ist als Taube von sich selbst beschallt, ganz allein in ihrem Eigenraum, und wie ich neben ihr stehe und in den vorbeilaufenden Verkehr hineinstarre und erleichtert, dass ich da endlich wegkomme aus der Nachbarschaft der ruhig Dastehenden, frei auf der Straße entlang radle, meldet der hirninterne Satzautomat, der auf die Szene reagiert und sie zusammenfasst: Mit Wachheit ist nicht zu rechnen.“

          Bei Rainald Goetz ist immerzu mit äußerster Wachheit zu rechnen, im Vortrag, in der Schrift, im Leben. Er lebt schneller als die anderen, denkt man, und mehr. Dass er am Samstag sechzig Jahre alt wurde, käme einem, wenn man ihn vorbeiradeln sieht, niemals in den Sinn.

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