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Die Witwe und John Doe : Wem gehört der Lichtenstein?

  • -Aktualisiert am

Jahrelang war Roy Lichtensteins „Electric Cord“ verschwunden. Ein New Yorker Galerist wollte das Bild jetzt verkaufen - der Auftakt einer juristischen Auseinandersetzung.

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          Am Ende wird alles von einem Blatt Papier abhängen, wenn Richter Peter Sherwood am 6. August zu entscheiden hat, wem ein auf mindestens vier Millionen Dollar geschätztes Gemälde gehört. Mehr als vier Jahrzehnte lang galt die Leinwand als verschollen, gestohlen, jedenfalls verschwunden. In den sechziger Jahren hatte der New Yorker Pop-Art-Galerist Leo Castelli das Gemälde „Electric Cord“ von 1961 für 750 Dollar direkt vom befreundeten Maler Roy Lichtenstein gekauft. Zu sehen ist, wie auf vielen seiner Werke jener Zeit, ein profaner Gegenstand: Das Elektrokabel ist allerdings so eng und so häufig um sich selbst gewickelt worden, dass es wie ein Henkersknoten aussieht.

          Weil die schlechte Grundierung nachgedunkelt war, das Bild aber vom Schwarzweißkontrast aus Licht und Schatten lebt, gab Castelli es 1970 zum Reinigen an den Gemälderestaurator Daniel Goldreyer. Von dort kehrte das Bild nicht wieder zurück. Es sei verloren gegangen, erfuhr Leo Castelli, und daran hatte sich auch nichts geändert, als der Kunsthändler 1999 starb. Nun ist das Gemälde in einem Lagerhaus an der 61. Straße wieder aufgetaucht. Der aktuelle Besitzer beauftragte den New Yorker Galeristen James Goodman mit dem Verkauf. Als dieser sich daraufhin bei der Lichtenstein-Nachlassstiftung meldete und um eine Expertise bat, informierten die Verantwortlichen sofort Barbara Castelli.

          Die Rechnung entscheidet

          Die Witwe des Galeristen beantragte eine einstweilige Verfügung, nach der das Gemälde nicht verkauft werden sollte, bis die Eigentumsverhältnisse geklärt sind. Sie sei tief besorgt, schrieb die Witwe dem Gericht, dass es möglich sein könnte, dass ein Werk, „das ein amerikanisches Kleinod eines in Manhattan geborenen Künstlers“ sei, „wieder verschwinden könnte, um vielleicht niemals wieder gesehen zu werden.“ Richter Sherwood folgte ihren Argumenten und verfügte, dass das Gemälde bis zur Anhörung das gut bewachte Lagerhaus an der East Side nicht verlassen darf. Dann wird es darauf ankommen, wer die beste Geschichte zum Verschwinden des gemalten Elektrokabels hat.

          Zwar kann man in den Vereinigten Staaten auch nach so langer Zeit an gestohlenen Gegenständen kein Eigentum ersitzen. Galerist James Goodman teilte inzwischen aber nicht nur mit, er habe keine Ahnung davon gehabt, dass das Bild gestohlen worden sei. Sein Kunde, der in den Gerichtspapieren den bei der Justiz üblichen Tarnnamen „John Doe“ trägt, habe angeblich sogar eine Rechnung, die belege, dass das Gemälde ordnungsgemäß von Leo Castelli gekauft worden sei. Und von der Existenz und Echtheit dieses Blatt Papiers wird am Montag abhängen, wem das wieder aufgetauchte Lichtenstein-Gemälde, dessen Marktwert die in den Gerichtsunterlagen genannten vier Millionen Dollar sicher weit übersteigt, künftig gehört: der Galeristenwitwe Barbara Castelli - oder John Doe.

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