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: Die „vermessene“ Wissenschaft

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Seiner berühmten Romanfigur Dorian Gray legte Oscar Wilde einst den Merksatz in den Mund: „Persönlichkeiten, nicht Prinzipien, regieren die Welt.

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          Seiner berühmten Romanfigur Dorian Gray legte Oscar Wilde einst den Merksatz in den Mund: „Persönlichkeiten, nicht Prinzipien, regieren die Welt.“ Dagegen herrscht in den meisten Wissenschaften, die sich mit der Ordnung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft befassen, die Neigung vor, den unwägbaren Faktor Persönlichkeit auszublenden. Sie stehen ganz überwiegend nicht in der geisteswissenschaftlichen Tradition eines Giambattista Vico, sondern lehnen sich seit Descartes, Newton und Hobbes an das Vorbild der exakten Naturwissenschaften an. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich deshalb vor allem auf das, was sich wie in der Geometrie oder Mechanik exakt zählen, messen und damit prüfen, objektivieren und konstruieren lässt.

          Anderes, wie der Faktor Persönlichkeit und mit ihm alles Besondere, Unberechenbare, Einmalige oder Zufällige, bleibt unterbelichtet. Man betreibt die Vermessung der Welt, ohne sie wirklich zu verstehen. Der Preis für den Perfektionismus der genauen Methode ist eine Verengung des Gesichtsfelds. So wie in den Wirtschaftswissenschaften oft gerechnet wird, ohne den spannenden Fragen nach dem subjektiven Wahrnehmen, Wissen und Wollen der Menschen auf den Grund zu gehen, schielt die Politikwissenschaft mit ihrem starken Interesse an quantitativ fassbarer Wahl- oder Meinungsforschung gerne an den Kernproblemen des Regierens und Führens vorbei. Hier zeigt sich im Grunde ein mangelndes Verständnis für das Politische und das Unternehmerische überhaupt.

          Viele Wissenschaften sind inzwischen so „vermessen“, dass sie auch sich selbst vor allem durch das Zählen von Aufsätzen in referierten Zeitschriften, das Aufrechnen von Drittelmitteln oder das Abhaken von Dissertationssollziffern erfassen. Solche Planwissenschaft hat in vielen Disziplinen zu Sprachlosigkeit, Weltabgewandtheit und Selbstbezüglichkeit geführt und kann nicht mehr viel zur Orientierung derer beitragen, die als Politiker oder Unternehmer Entscheidungen zu treffen haben.

          Die Konsequenzen dieses wissenschaftlichen Rationalismus haben Politik, Wirtschaft und Gesellschaft tief durchdrungen. Zu beobachten ist an vielen Stellen die Ersetzung persönlicher Freiheit und Verantwortung durch die Auferlegung von Planzielen und Standards. Man misstraut der Urteilskraft des Einzelnen und setzt auf staatlich exekutierten Moralismus. Das Erfahrungswissen, das implizite und verstreute Wissen und Werten Einzelner, wird von explizitem, konstruktivistischem Wissen und Werten des Staats verdrängt. Man unterschätzt die Bedeutung von persönlicher Freiheit und Verantwortung und setzt auf eine Anmaßung von Regulierungswissen und Aufsichtswissen - nicht nur in den aktuellen Debatten über „Basel III“. Auch unzählige „Compliance“-Vorschriften, „Corporate Social Responsibility“, Randgruppenquoten und umfangreiche Tugendkataloge für die Wirtschaft im Vergaberecht laufen darauf hinaus, persönliche Verantwortung durch die bloße Erfüllung von vorgegebenen Standards und Sollziffern zu ersetzen. Diese Kollektivierung des Wissens und des Gewissens führt jedoch im Ergebnis nicht zu mehr Verantwortlichkeit, sondern zu kollektiver Verantwortungslosigkeit.

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