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Die hl. Matrona von Moskau : Russlands blinde Seherin

  • -Aktualisiert am

Man sieht nur mit dem Glauben gut, Augen braucht es nicht: Die heilige Matrona von Moskau als Ikone. Bild: culture-images/fai

Die Katholiken haben Hildegard von Bingen, die orthodoxe Kirche verehrt die heilige Matrona von Moskau. Wer zu ihr pilgert, versteht erst, wie das Land funktioniert.

          5 Min.

          Wer den Hof des Nonnenklosters zum Gottesmuttermantel an der belebten Tagankastraße betritt, von dem fallen aller Stress und aller Dreck des Molochs Moskau ab. In der sonnengelben Gottesmutterkirche steht der goldverzierte Silberschrein mit den sterblichen Überresten der heiligen Matrona von Moskau (1881 bis 1952), die ihren Verehrern Trost und Heilung spendet, weshalb die Gläubigen, zu neunzig Prozent weiblichen Geschlechts, hier geduldig in der Schlange stehen, um mit ihr stille Zwiesprache zu halten oder ihr Bild zu küssen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Viele bringen Matrona Blumen mit, die die blinde Seherin während ihrer Erdentage liebte. Andere lesen still ihre Akathist-Hymne. Wieder andere füllen Fürbittenzettel aus, womit man gegen ein geringes Entgelt Gebete für die Lieben bestellen kann - sofern diese, wie ein Warnschild am Kirchenkiosk anmerkt, orthodox getauft und keine Selbstmörder sind. Zu Matrona, die im Schatten der Sowjetmacht viele Schwerkranke geheilt haben soll, pilgern insbesondere Leute mit Gesundheitsproblemen, die den russischen Ärzten nicht trauen oder sie nicht bezahlen können. Auf Internet-Foren und von Bekannten erfährt man immer wieder von Krebsfällen, die durch die 1999 kanonisierte Gottesfrau wunderbar kuriert worden seien.

          Ich komme im Schlepptau von Jelena, einer jungen Mutter aus einer Moskauer Vorstadt mit chronischen Rückenschmerzen. Ob sich seit den Klosterbesuchen ihr Leiden bessert, kann Jelena zwar nicht sagen; doch sie tanke hier immer seelische Kraft, behauptet sie. Vielen scheint das so zu gehen. Die blonde Anna ist mit ihrem kleinen Sohn aus dem sibirischen Omsk angereist. Für ihre tumorkranke Schwester zu Hause hat sie sich schon mit geweihtem Wasser, das unterm Glockenturm ausgegeben wird, und einer großen Ikone aus dem nicht gerade billigen Kirchenladen eingedeckt. Zwei Frauen, die ich anzusprechen versuche, wehren mich mit Handgesten ab. Eine dritte belehrt mich, hier könne man die für die russische Frömmigkeit zentrale Erfahrung der „Sobornost“ machen, das heißt gemeinschaftsumfangen und doch frei Gott nahe sein. Dann entschuldigt sie sich, um, wie sie seufzend erklärt, ihren eigenen Gedanken nachzuhängen.

          Im Klostergelände, dessen linealgerade verlegtes Granitpflaster von lächelnden Novizinnen staubfrei gebürstet wird, finde ich niemanden, der eine Verunglimpfung von orthodoxen Heiligtümern verzeihen könnte. Die Dame, die mir die Sobornost erklärte, tut so, als wäre sie über den Punk-Auftritt von Pussy Riot vor dem Altar der Christi-Erlöser-Kathedrale vom Februar noch immer fassungslos. Für Jelena sind die Feministinnen vor allem Rabenmütter. Auch eine leidend aussehende Frau mit von innen erleuchtetem Blick versichert, die Punkerinnen verdienten Strafe. Denn mit ihrem Veitstanz hätten sie bewiesen, dass sie vom Affen abstammten. Die Frage, ob zwei Jahre Strafkolonie für die Mädchen nicht übertrieben hart seien, traut sich allerdings keine der Christinnen zu entscheiden.

          Im Stellungskrieg

          Unterdessen geht der Stellungskrieg zwischen obrigkeitstreuen Tabuwächtern und künstlerischen Freiheitskämpfern in die nächste Runde. Der jüngste Skandal war eine Ausstellung der jungen Malerin Jewgenia Malzewa, die im Galeriezentrum Winsawod auf rabenschwarzen Riesenleinwänden Monumentalköpfe mit grellen Strumpfmasken und sogar ein buntmaskiertes Engeltrio zeigte - klar eine Hommage an Pussy Riot. Zur Eröffnung der Schau mit dem Titel „Spirituelle Schlacht“ (Duchownaja bran) kam eine zwanzig Mann starke Kosakenformation, die gegen den „Liberalen Faschismus“ und Jewgenia Malzewas angeblich blasphemische Bilder protestierte und geladene Vernissagegäste nicht durchließ. Aber auch die Sicherheitsleute, die später für Ruhe sorgten und die Gemälde bewachten, konnten ihren Ärger über die Schmierereien, wie sie sich ausdrückten, nur schwer unterdrücken.

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