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: Die heilige Triade

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Viele Menschen treten für „Nachhaltigkeit“ ein. Aber der populäre Begriff ist ein Gummiwort. Er taucht in der Debatte um Energie, Mobilität und Bildung genauso ...

          Viele Menschen treten für „Nachhaltigkeit“ ein. Aber der populäre Begriff ist ein Gummiwort. Er taucht in der Debatte um Energie, Mobilität und Bildung genauso auf wie bei Klimaschutz, Gesundheit, Umwelt und Ernährung. Die ver-schiedensten Akteure in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik jonglieren mit dem positiv besetzten Terminus. Bisher allerdings fehlen verbindliche Maßnahmen. Nachhaltigkeit sei „ein erst noch an Kontur gewinnendes, abweichend interpretiertes Leitbild“, sagt Iris Pufé . Es subsumiere unterschiedliche, wenn nicht gegensätzliche Natur-, Menschen- und Weltbilder ebenso wie Anliegen, Bedürfnisse und Modelle einer „guten“ Gesellschaft: „Viele sind sich im klaren, dass neue Probleme, global verzahnt, vor uns liegen. Doch darüber, welche Schrauben am Weltapparat wie fest wann anzuziehen sind, wird gezankt.“

          In ihrem neuen Taschenbuch bietet die Münchner Kommunikationsberaterin und BWL-Dozentin an der Hochschule München einen nützlichen Einstieg in die sich nach vielen Seiten bewegende Diskussion. Auf gut 250 Seiten werden Elemente, Themenfelder, Schwerpunkte und Anwendungsbereiche sowie Push- und Pull-Faktoren und das einschlägige Trend- und Institutionen-Vokabular von Nachhaltigkeit erläutert. Pufés gut lesbare Rundtour durch Theorie und Praxis mit reichlich Schaubildern, Kästen und Übungsaufgaben ist wohl vor allem für Studenten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gedacht, aber auch sonst als kleines Manual nützlich. Die mundgerechten Wissenshäppchen lassen sich durch Scannen der im Text abgedruckten QR-Codes im Internet vertiefen.

          Mit der integrativen Betrachtung ökologischer und sozialer Aspekte von Nachhaltigkeit in Politik und Recht, Wirtschaft und Wissenschaft hat sich Frau Pufé eine Herkulesaufgabe vorgenommen. Ihre Begriffsklärung setzt in der frühen Forstwirtschaft an - beim inzwischen sattsam bekannten historischen Vorläufer Carl von Carlowitz. Der sächsische Oberberghauptmann schrieb bereits im Jahre 1713 von der „nachhaltenden Nutzung der Wälder“ als „kluger Waldbewirtschaftung“ und empfahl: „Die gehöltze pfleglich brauchen, also zu handhaben, dass solche eine beständige revenüe auf lange Jahre geben ... künfftig den nachkommen bleiben.“ In den folgenden 300 Jahren habe sich schrittweise ein Bewusstsein für Umweltverschmutzung, Überbevölkerung, Armut und Ressourcenerschöpfung entwickelt. Vorläufiger Höhepunkt sei im Jahre 1972 der alarmierende Bericht „Grenzen des Wachstums“ für den Club of Rome gewesen.

          Im Jahre 1987 habe der Brundtland-Bericht die bis heute gängige Definition von Nachhaltigkeit gebracht - als „Entwicklung, die gewährleistet, dass künftige Generationen nicht schlechter gestellt sind, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, als gegenwärtig lebende“. Aus der globalen Umweltkonferenz 1992 in Rio de Janeiro seien die Agenda 21 und viele neue Gremien und Konferenzen hervorgegangen. Das Prinzip Nachhaltigkeit bahne sich seinen Weg, auch wenn die angestrebten Ziele längst nicht erreicht seien.

          Leicht hat es das Thema bis heute nicht einmal in der Theorie. Mit dem „Drei-Säulen-Modell“, das ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit gleichrangig nebeneinanderstellt, und dem flexibleren „Nachhaltigkeitsprinzip“, das von ineinandergreifenden Schnittmengen der drei Faktoren ausgeht, präsentiert die Autorin zwei Versuche, den interdependenten Zusammenhang von Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft abzubilden. Sie selbst favorisiert ein drittes symmetrischeres Modell, das integrative „Nachhaltigkeitsdreieck“. Der Grund: „Die drei Bereiche stehen nicht länger unverbunden nebeneinander, sondern ergeben ein gemeinsames Ganzes.“

          Fast missionarisch spricht Pufé von Ökologie, Ökonomie und Sozialem als „heiliger Triade“. Wo immer nachhaltig gehandelt werden solle, komme es vor allem auf „Effizienz, Konsistenz und Suffizienz“ an, also höhere Ressourcenproduktivität, Einklang menschlicher und wirtschaftlicher Aktivitäten mit der Natur sowie umweltverträgliche Obergrenzen ökonomischen Handelns, sagt sie. Deutlich macht sie diese Forderungen nicht zuletzt in ihrem zentralen Kapitel zur Nachhaltigkeit in Unternehmen. Seit längerem berät sie Firmen, wie man Nachhaltigkeitsstrategien entwickelt und umsetzt. „Der größte Hebel und Beitrag von Unternehmen liegt in der nachhaltigkeitsorientierten Reformierung von Wertschöpfungsketten“, schreibt sie. Alle Bereiche des Unternehmens seien dabei einzubinden. Angesetzt werden müsse dafür an fünf Stellen: bei der Unternehmenskultur, der ökosozialen Steuerung durch Kennzahlen, dem Prozessmanagement der Abläufe im Unternehmen, der Produktentwicklung und dem Personalmanagement.

          Für ein wichtiges Instrument hält Pufé Nachhaltigkeitsberichte: „Sie fördern die interne wie öffentliche Diskussion, beeinflussen Werte und Ziele des Unternehmens ebenso wie Wettbewerbsvorteile, indem sie Daten gewinnen und aufbereiten.“ Die seit einem Jahrzehnt zunehmende Praxis des „Greenwashing“ zur modischen Imagepflege streift sie nur am Rande. In der Regel werden dabei einzelne als nachhaltig beeichnete Leistungen, etwa ein neues, umweltfreundliches Produkt oder Verfahren, gern auch gezieltes Sponsoring, in aufwendigen PR-Aktionen vorgestellt. Auch wenn die Einzelsachverhalte meist korrekt sind, geht es häufig um singuläre Aktivitäten von Unternehmen bei unverändertem Kerngeschäft. Gleichwohl gilt manchen Zeitgenossen solcherart Grünfärberei schon als Etappenerfolg für Nachhaltigkeit.

          Ulla Fölsing

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