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Die Angst vor Ebola : Afrika ist nicht gleich Afrika

  • -Aktualisiert am

Wirtschaftswunderland: Ein neues Kraftwerk in Abidjan, der früheren Hauptstadt der Elfenbeinküste Bild: AFP

Nach dem Ausbruch und der Ausbreitung der tödlichen Krankheit Ebola wird in Europa wieder ein düsteres Bild von Afrika gezeichnet. Doch der riesige Kontinent hat sich emanzipiert und lässt sich nicht auf ein Elendsgemälde reduzieren. Ein Kommentar

          Zwei Meldungen aus jüngster Zeit bilden die Bandbreite Afrikas ab: Eine Meldung handelt von der Ebola-Seuche, von mehr als tausend Toten und davon, dass in Liberia ganze Landkreise von der Armee unter Quarantäne gestellt wurden. Die zweite Meldung kommt aus Kongo-Kinshasa. Sie berichtet von neuen Ölfunden im Albertsee an der Grenze zu Uganda. Angeblich sollen unter dem See drei Milliarden Barrel Öl lagern; die ganze Region freut sich auf Arbeitsplätze, neue Straßen und etwas Wohlstand.

          Es gibt viele solcher Gegensätze: In Südsudan droht eine neue, furchtbare Hungerkatastrophe; in Nairobi hat der Sportwagenhersteller Porsche gerade seine erste ostafrikanische Niederlassung eröffnet. Im Norden Nigerias terrorisieren radikale Islamisten die Bevölkerung und fordern eine Rückkehr zu mittelalterlichen Gesellschaftsformen; die Elfenbeinküste hat vor wenigen Wochen eine internationale Anleihe in Höhe von 800 Millionen Dollar begeben, die mit fünf Prozent rentiert. Das Papier war achtfach überzeichnet.

          Afrika hat ein Imageproblem

          Über Ebola, Hunger und radikale Islamisten wissen wir Bescheid; von dem Öl, den Sportwagen und der ivorischen Anleihe wissen die wenigsten. Marketingfachleute nennen so etwas ein Imageproblem. Wenn es um die Beschreibung Afrikas geht, liegt der negative Superlativ nahe. Alles ist riesig: der Hunger, die Korruption, die Hoffnungslosigkeit.

          Dass dem nicht immer und vor allem nicht überall so ist, bewies vor kurzem der Afrika-Gipfel, zu dem Präsident Obama nahezu alle afrikanischen Staats- und Regierungschefs nach Washington eingeladen hatte. Es ging dabei um Zukunftsmärkte, Investitionen und darum, dass die Amerikaner den Zug nicht verpassen wollen.

          Dass dieses Werben gleich wieder negativ besetzt werden musste, mit der Warnung nämlich vor dem zunehmenden Einfluss Chinas, entsprach dem üblichen Reflex, wenn es um Afrika geht. Aus Sicht der westlichen Welt wissen Afrikaner einfach nicht, was gut für sie ist.

          Doch in Afrika wartet niemand auf die Geschäftsleute aus Amerika, genauso wenig wie auf die aus Europa. In Afrika herrscht ganz normaler Wettbewerb. Das haben die Chinesen bewirkt, und das ist gut so. Man kann es auch anders formulieren: Afrika hat sich emanzipiert, weil Afrika seinen Wert kennt.

          Im Grunde sollte die restliche Welt China dankbar sein für den Beweis, dass Afrika allen Unkenrufen zum Trotz ein vielversprechender Kontinent ist. Was tun denn die Afrikaner? Sie tauschen Rohstoffe gegen Infrastruktur, Öl und Eisenerz gegen Straßen und Eisenbahnlinien. Seither bekommt Afrika zum ersten Mal in seiner postkolonialen Geschichte eine Art Mehrwert für seine Bodenschätze. Die Afrikaner wären dumm, ließen sie sich dieses Geschäft entgehen.

          Es ist schon erstaunlich, dass die alten Industrienationen auf dem Kontinent nur noch selten in Erscheinung treten, während Unternehmen aus Schwellenländern unglaubliche Summen in Afrika investieren. In Angola etwa sind brasilianische Bauunternehmen groß im Geschäft, in Äthiopien investieren indische Konzerne in die Landwirtschaft.

          In Kongo-Kinshasa hat sich ein südafrikanisches Konsortium riesige Ländereien gesichert, auf denen Lebensmittel ausschließlich für den lokalen Markt produziert werden sollen. Dabei lebt die dortige Bevölkerung doch angeblich von der Hand in den Mund, wie UN und Hilfsorganisationen behaupten.

          Kein Kontinent des Elends

          Der Grund dafür liegt in der Wahrnehmung. Afrika ist kein uniformes Gebilde, in dem man sich von Ebola bis Kopfschuss alles einfangen kann, was einem zivilisierten Miteinander zuwiderläuft. Afrika ist ein Kontinent mit mehr als fünfzig Staaten, einer knappen Milliarde Einwohnern und Hunderten Sprachen und Kulturen.

          Zimbabwe hat nichts mit Ghana gemein und Äthiopien nichts mit Angola. Afrika ist zur Hälfte muslimisch und zur Hälfte christlich. Afrika ist staubtrocken und an anderer Stelle ungemein fruchtbar. Afrika ist erfrischend und ernüchternd zugleich: Afrika ist ziemlich normal. Das wollen im Westen schon deshalb nur wenige zur Kenntnis nehmen, weil die negative Wahrnehmung des Fremden auch der Rückversicherung der vermeintlichen eigenen Überlegenheit dient.

          Die Ebola-Epidemie ist ein Paradebeispiel dafür. Die Berichte und die Fernsehaufnahmen aus Liberia und Sierra Leone belegen augenscheinlich den Verdacht, dass Afrika aus Elend und Armut bestehe - und das nichts gelingt, wenn nicht der weiße Onkel eingreift. Für die beiden genannten Länder trifft das mit Sicherheit zu, weil sich beide nur langsam von langen Kriegen erholen, in deren Verlauf nahezu die gesamte Infrastruktur zerstört wurde. Repräsentativ für den Kontinent sind sie deshalb nicht.

          Niemand spricht beispielsweise davon, dass Uganda zurückliegende Ebola-Seuchen rasch unter Kontrolle bringen konnte, weil Uganda über ein funktionierendes Gesundheitssystem verfügt. Zwischen Liberia und Uganda liegen mehr als dreitausend Kilometer. Beide Länder in einen Topf zu werfen hieße, zum Beispiel, Ungarn zu einem gefährlichen Land zu erklären, weil im Osten der Ukraine ein Konflikt tobt. Afrika ist nicht uniform, es ist voller Unterschiede und Gegensätze.

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