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: Schlecker will kein Buhmann sein

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Die Drogeriemarktkette Schlecker wächst. Jedenfalls was die Durchschnittsgröße ihrer Geschäfte anbelangt. Unter der Marke Schlecker XL werden nur noch Filialen mit mehr als 400 Quadratmetern Verkaufsfläche eröffnet.

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          EHINGEN, 7. Juli

          Die Drogeriemarktkette Schlecker wächst. Jedenfalls was die Durchschnittsgröße ihrer Geschäfte anbelangt. Unter der Marke Schlecker XL werden nur noch Filialen mit mehr als 400 Quadratmetern Verkaufsfläche eröffnet. Viele bisherige Filialen haben nur 250 Quadratmeter. Der erste neue Markt ging im Herbst 2008 in Bad Grönenbach im Allgäu an den Start und war ein Erfolg, wie Projektleiter Volker Schurr befindet. Die neuen Märkte sind großzügiger eingeräumt, farblich in Bedürfnissortimente wie Gesundheit, Schönheit, Ernährung, Baby oder Körperpflege sortiert und bieten dem Kunden statt der 5000 Produkte im kleinen Schlecker 12 000 verschiedene Artikel an. Das neue Konzept soll wieder neuen Schwung in die Schlecker-Kette bringen. "Wir hatten in den letzten Jahren großen Erfolg, aber wir müssen uns auch verändern", sagte Vertriebsdirektor Markus Bartsch und kündigt 1000 neue XL-Märkte bis zum Ende 2010 an.

          Mit der Neuausrichtung reagiert Schlecker nicht nur auf die Kundenwünsche nach einer besseren und vor allem besser sortierten Auswahl. Die Neuausrichtung wird zumindest erleichtert durch die schlechte Lage im Einzelhandel. Durch viele Insolvenzen (Woolworth, Hertie) und die Verlagerung von Supermärkten zur Vergrößerung aus den Ortskernen an Ortsrandlagen werden zunehmend attraktive Flächen in guten Lagen frei. Das bedeute aber nicht, dass Schlecker nur noch in die Zentren gehe. Das Konzept, der Nahversorger auch in kleinen Städten oder sogar großen Dörfern zu sein, soll bleiben. "Es gibt in Deutschland alle drei Kilometer einen Schlecker", verkündet das Familienunternehmen stolz. Das bedeutet aber auch häufig Kleinstläden. "Die kleine Filiale mit drei Angestellten ist unsere Stärke", sagt Florian Baum, Leiter der Unternehmenskommunikation.

          Mit Baum hat Schlecker erstmals jemanden, der nicht nur Ware, sondern das Unternehmen "verkaufen" soll. So nah dem Kunden die Drogeriekette auch ist, den meisten Menschen ist sie eher fremd und unheimlich. Schlecker könnte eine Erfolgsgeschichte im europäischen Einzelhandel sein: Der Metzgersohn Anton Schlecker aus Ehingen bei Ulm baut in 35 Jahren ein Handelsunternehmen mit mehr als 14 000 Geschäften in Europa auf. Aber der Inhaber versteckt sich eher, als dass er sich öffentlich präsentiert. Und seine Kette hat einen schlechten Ruf, vor allem wegen ihres Umgangs mit den Mitarbeitern. Anton Schlecker wurde in diesem Zusammenhang 1998 wegen vielfachen Betrugs (der Mitarbeiter) verurteilt. Für die Gewerkschaften gehört Schlecker neben Lidl (ebenfalls ein Familienunternehmen) zu den roten Tüchern.

          Bartsch gibt das "gespannte Verhältnis zu den Gewerkschaften" zu, hält es aber für unberechtigt, denn "wir halten alle Vorschriften wie die bezüglich Hygiene, Arbeitzeiten oder Arbeitsschutzmaßnahmen ein". Schlecker habe mehr als 110 Betriebsräte, die auch in überbetrieblichen Gremien aktiv mitarbeiteten. Eine Umfrage des Gesamtbetriebsrates unter den Mitarbeitern habe ergeben, dass diese sich wohl fühlten und zufrieden seien. "Aber das glaubt ja draußen niemand. Dann wird gesagt, die Mitarbeiter hätten aus Angst so geurteilt", beklagt Bartsch.

          Allerdings muss er auch zugeben, dass mit dem Ersatz kleiner Geschäfte durch größere den bisherigen Mitarbeitern zunächst einmal gekündigt wird. Zwar können sich manche im neuen Geschäft wieder bewerben, aber direkt übernommen werden sie nicht - formal gehören die XL-Geschäfte einer eigenständigen GmbH innerhalb der Schlecker-Gruppe an. Diese GmbH ist im Gegensatz zur restlichen Gruppe auch nicht tarifgebunden. Das sorgt in Regionen, in denen mehrere Geschäfte ersetzt werden, für Unruhe und Demonstrationen. Dem hält Bartsch entgegen, dass man ja weiterhin wachsen wolle und daher zu Ende 2009 und auch Ende 2010 jeweils mehr Beschäftigte haben werde als zu Beginn des jeweiligen Jahres. Der geplanten Öffnung des Unternehmens versetzen solche Aktionen jedoch immer wieder herbe Rückschläge. Dennoch hält Bartsch die Öffnung für wichtig.

          Mit aktuellen Zahlen will er aber trotzdem nicht gleich dienen, obwohl auch da "manches Falsche im Umlauf" sei und aus unternehmensfremden Quellen stamme. Er gibt aber zu, dass Schlecker in den Monaten Januar und Februar "einen schweren Start in das Jahr 2009" gehabt habe. Der März sei aber schon wieder besser gewesen. Trotz schwieriger Lage werde man auf künstliche Umsätze, also auf Umsätze zu Kampfpreisen, verzichten. Bartsch geht davon aus, "am Jahresende mit einem leichten Umsatzplus rauszukommen".

          Im Vorjahr hatte Schlecker seinen Umsatz um 6 Prozent auf 7,42 Milliarden Euro erhöht. Im vergangenen Jahr ist allerdings die zuvor insolvente Drogeriekette "Ihr Platz" aus Osnabrück dazugekommen. Flächenbereinigte Zahlen werden nicht genannt. Der Anspruch des Mitbewerbers dm, allein bei Drogerieartikeln Schlecker schon im Umsatz überholt zu haben, wird pauschal zurückgewiesen. Lieber betont man den Erfolg im Internet. Schlecker habe heute 3 Millionen Versandhandelskunden, sagt Marketingdirektor Uwe Blank. Bei einigen Produkten sei man absoluter Marktführer. "Wir verkaufen über das Internet 35 000 Verpackungen Kontaktlinsen im Monat oder 120 000 Staubsauger in zehn Tagen." Schlecker bietet im Internet alles für den täglichen Bedarf außer Textilien und Schuhen - wegen der Rücksendungen in diesem Bereich. Lukrativ ist, dass ein Internetkunde im Durchschnitt 15 Artikel bestellt, während der Kunde im stationären Geschäft im Durchschnitt nur 3 Artikel je Einkauf erwirbt. Im Internet wächst Schlecker. Am Ruf des Unternehmens muss man aber wohl noch lange arbeiten.

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