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Deutsche Weltmeisterjahre : 1954 - Keiner wankt im Wirtschaftswunderland

Im Triumphzug vom Spielfeld im Berner Wankendorfstadion getragen: Mannschaftskapitän Fritz Walter (links) und sein Kaiserslauterner Teamgefährte Horst Eckel Bild: dpa

Seit neun Jahren ist der Krieg vorbei, seit fünf Jahren sucht die noch junge Bundesrepublik als Außenseiter Anerkennung in der Welt. Der Sieg im Finale der Fußballweltmeisterschaft in Bern gibt vielen Deutschen neues Selbstbewusstsein.

          Wirtschaftswunderzeit - Wir sind wieder wer. Den Mühen der ersten Phase des Wiederaufbaus folgten Aufschwung und internationale Anerkennung. Es gab Wohlstand, man zeigte ihn auch. Die junge Demokratie konsolidierte sich. Die heftige Debatte über die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und der Indochina-Krieg zeigten die ersten Schritte zu neuer Souveränität und riefen zugleich in Erinnerung, wie nahe der Krieg noch war.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

          Es war erst neun Jahre her, dass er zu Ende gegangen war, und seine Folgen waren allgegenwärtig. Zahlreiche deutsche Soldaten waren noch in Russland in Gefangenschaft. Flüchtlinge und Vertriebene mussten sich aus dem Nichts eine neue Existenz aufbauen. Witwen und Waisen mussten im Wirtschaftswunderland oft mit sehr wenig auskommen. Hunderttausende wurden vermisst.

          Eine Elf aus gezeichneten Kriegsveteranen

          Auch die Elf, die im WM-Finale von Bern Ungarn besiegte, bestand im Wesentlichen aus gezeichneten Veteranen, einstigen Flakhelfern und ehemaligen Kriegsgefangenen. Bundestrainer Sepp Herberger hatte sogar noch im Ersten Weltkrieg und dann einige Tage im Zweiten gedient. Torwart Toni Turek war an der Ostfront durch einen Granatsplitter verletzt worden, der seinen Stahlhelm durchschlagen hatte.

          Ottmar Walter überlebte ein Seegefecht vor Brest nur knapp und mit drei Granatsplittern im Knie. Nicht zuletzt der legendäre Reporter Herbert Zimmermann war Soldat, sogar ein hochdekorierter. Er nahm als Panzerkommandant vom ersten Tag an am Krieg im Osten teil, wurde schwer verwundet und erhielt im April 1945 als Major für „schlachtentscheidendes Verhalten“ in Kurland das Ritterkreuz.

          Das WM-Finale von Bern vereint Deutschland

          Zimmermann sprach im WM-Endspiel am 4. Juli in der Schlussphase die legendären Worte, die so beginnen: „Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion in Bern. Keiner wankt . . .“

          In jenen Minuten waren Straßen und Plätze im geteilten Deutschland wie leergefegt. In Ost und West scharten sich die Menschen um die insgesamt nur etwa 40 000 Fernsehgeräte oder hörten Radio. Wohl eine Million Menschen säumten die Strecke des Triumphzuges der Mannschaft zurück nach Deutschland. Sie standen an der Bahnstrecke, auf Brücken und Äckern. Allein an den Jubelfeiern in München nahmen Hunderttausende teil. Dort hatten die Kinder schulfrei, Geschäfte und Betriebe waren geschlossen.

          DFB-Präsident Bauwens hielt im Löwenbräukeller eine Rede, welche die Londoner „Times“ als „hysterisch-nationalistisch“ geißelte. Bauwens hatte den „Jungens“ bescheinigt, „wirklich gezeigt“ zu haben, „was ein gesunder Deutscher, der treu zu seinem Lande steht, zu leisten vermag“. „Der Spiegel“ schrieb kurz nach dem WM-Finale über die Deutschen: „Vor aller Welt . . . gaben sie sich, als hätten sie nun . . . nach zwanzighundertjährigem geschichtlichem Irrweg den alleinigen verheißungsvollen Sinn und die wahre Bestimmung ihrer nationalen Existenz entdeckt“.

          „Papa“ Heuss dämpft politische Tonlage

          Bundespräsident Theodor Heuss schlug dagegen ausdrücklich andere Töne an. Auf der Großveranstaltung zu Ehren der Nationalmannschaft im Berliner Olympiastadion am 18. Juli deutete der Bundespräsident im Widerspruch zu Bauwens an, dass „gutes Kicken“ nicht notwendigerweise „gute Politik“ sei. Und an die Mannschaft gewandt fährt „Papa“ Heuss fort: „Aus Ihrem erfreulichen Sieg haben manche Leute ein Politikum gemacht. Wir wollen die echten Werte nicht verschieben lassen. Der Sinn des Sports ist Fairness, und Sie alle haben fair gekämpft, ebenso wie Ihre Gegner.“

          Deutschlandlied mit erster Strophe

          Als sich die Spieler in Bern nach dem Sieg noch einmal zur Siegerehrung aufgestellt hatten, fielen die 25 000 deutschen Zuschauer „machtvoll“ in das Deutschlandlied ein, wie diese Zeitung damals schrieb. Gesungen wurde die erste Strophe („Deutschland, Deutschland über alles“). Viele kannten die weiteren wohl ohnehin kaum, und es war noch nicht in das öffentliche Bewusstsein gedrungen, dass sich Heuss und Bundeskanzler Adenauer 1952 darauf geeinigt hatten, bei „staatlichen Veranstaltungen“ die dritte Strophe zu singen.

          Eine staatliche Veranstaltung war es insofern, als viele Beobachter später in diesem packenden Finalsieg das eigentliche Gründungsdatum der Bundesrepublik Deutschland sahen. Ein vergleichbares Sport- wie auch Medienereignis hatte es bis dahin nicht gegeben. Der Außenseiter war wieder wer - und alle waren dabei. Auf der Feier im Berliner Olympiastadion nach dem WM-Sieg sprach Heuss die dritte Strophe erst einmal ins Mikrofon, bevor dann die 80 000 Zuschauer sangen: „Einigkeit und Recht und Freiheit“.

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