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Deutsche Bischofskonferenz : Zweiter Versuch, vierter Wahlgang

Reinhard Marx auf dem Weg zu einer Pressekonferenz, im Hintergrund sein Vorgänger Robert Zollitsch. Bild: REUTERS

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx führt für die nächsten sechs Jahre die Deutsche Bischofskonferenz. Bei der knappen Wahl gaben die Weihbischöfe den Ausschlag.

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          Als sich vor fast genau sechs Jahren die Türen des Exerzitienhauses Himmelspforten in Würzburg öffneten und der neugewählte Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) vor die Presse trat, war das öffentliche Erstaunen groß. Zollitsch? Warum? Den Namen des langjährigen Personalchefs der Erzdiözese Freiburg hörten an diesem Tag selbst die meisten Katholiken zum ersten Mal.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Im Jahr 2003 war Robert Zollitsch, ein Heimatvertriebener der heute serbischen Batschka, der Nachfolger des über dem Streit mit Joseph Kardinal Ratzinger über wiederverheiratet Geschiedene und die Schwangerenberatung gebrochenen Erzbischofs Oskar Saier geworden. Schon damals hieß es: Wer? Warum? Bei der Erstellung der Dreierliste, aus der das Freiburger Domkapitel den neuen Erzbischof zu wählen hatte, war es wie unter Papst Johannes Paul II. und dem deutschen Präfekten wie üblich zugegangen. Die Kandidatenvorschläge aus Deutschland waren nach „Papsttreue“ sortiert worden. Wem nachgesagt wurde, gegen den von Rom oktroyierten Ausstieg aus der Schwangerenberatung gewesen zu sein, war gebrandmarkt.

          Der Freiburger Weihbischof Paul Wehrle, der Favorit des Domkapitels, wurde durch Zollitsch ersetzt, das Domkapitel fügte sich. Zollitsch machte seine Sache als Erzbischof gut. In der Bischofskonferenz gewann er bald als vermittelnder und konzentriert arbeitender Vorsitzender des Rechtsträgers der DBK, des sogenannten Verbands der Diözesen Deutschlands (VDD), Statur und Ansehen. Über die Grenzen des badischen Erzbistums hinaus war Zollitsch kaum bekannt.

          Vor sechs Jahren Niederlage trotz prominenter Fürsprecher

          Das sollte sich im Februar 2008 ändern. Wenige Wochen zuvor hatte der 72 Jahre alte Karl Kardinal Lehmann, der der Deutschen Bischofskonferenz seit 1987 vorstand, krankheitshalber sein Amt zur Verfügung gestellt. Binnen kurzem musste ein Nachfolger gefunden werden. Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner brachte den vormaligen Trierer Bischof Reinhard Marx ins Spiel. Der galt als konservativ und war mit Meisners Hilfe gerade erst zum Erzbischof von München und Freising befördert worden. Die Kampagne Meisners für Marx stieß auf massive Gegenwehr. Lehmanns Stellvertreter Heinrich Mussinghoff (Aachen) und der inzwischen verstorbene Münsteraner Bischof Reinhold Lettmann setzten alles daran, einen Vorsitzenden von Meisners Gnaden zu verhindern. Am 18. Februar wurde Zollitsch mit fast zwei Dritteln der Stimmen gewählt.

          Sechs Jahre später gibt die Tür des Bischöflichen Priesterseminars Borromaeum in Münster den Blick auf den neuen Vorsitzenden der Bischofskonferenz frei. Marx! Mehr Furore gemacht hat in den vergangenen Jahren kein Bischof aus Deutschland, vor allem in Rom. Mit Papst Benedikt XVI., seinem Vorvorgänger als Erzbischof von München und Freising, stand er sich immer gut, dessen Nachfolger Franziskus machte ihn zu einem seiner engsten Berater. Zunächst berief er ihn nur in das K8 genannte Gremium aus acht Kardinälen der Weltkirche, die ihn seit dem vergangenen Herbst bei der Reform der Kurie und der Leitung der Weltkirche beraten. In der vergangenen Woche betraute ihn der Papst überdies mit der Koordination des neugeschaffenen Wirtschaftsrates, der im Vatikan den bisherigen Kardinalsrat für Wirtschafts- und Finanzfragen ersetzt.

          Entschlossene Gegenkandidaten

          Dennoch war die Wahl Marxens zum Vorsitzenden noch am Mittwochmorgen alles andere als ausgemacht. Sein mitunter forsches Auftreten in der Öffentlichkeit wie in den eigenen Reihen, vor allem in Bayern, ist nicht jedermanns Sache, ganz zu schweigen von der Anhäufung von Ämtern und Mandaten. Und sind das Desaster der den Bischöfen gehörenden Verlagsgruppe Weltbild und die endlosen Kabalen an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, deren Großkanzler er ist, nicht mindestens so sehr Ergebnis der von Marx lautstark beklagten „organisierten Unverantwortlichkeit“ innerhalb der Bischofskonferenz wie ein Symptom fortschreitender persönlicher Überforderung?

          Im Jahr 2008 konnte sich Zollitsch bereits Tage zuvor sicher sein, dass eine breite Mehrheit seine Kandidatur unterstützte. Diesmal verteilten sich die Stimmen derer, die Marx aus unterschiedlichen Gründen nicht wählen wollten, schon vorab auf mehrere Kandidaten, allen voran den Münsteraner Bischof Felix Genn. Dieser wollte aber nicht gewählt werden, auch und weil der jüngst emeritierte Meisner und seine Gefolgsleute auf ihn setzten, um einen immer noch barocken, aber gar nicht mehr so konservativen Marx zu verhindern. Der Berliner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki warf seinen Hut nicht entschlossen in den Ring, die „jungen“ Bischöfe Stephan Ackermann, 50 Jahre alt und aus Trier, sowie Franz-Josef Overbeck, 49 Jahre alt und aus Essen, sahen ihre Zeit noch nicht gekommen.

          Keine Klarheit durch „Vorkonklave“

          Keine Klarheit brachte auch die hier und da zu einem „Vorkonklave“ aufgebauschte Aussprache am Dienstagvormittag über die Lage des Glaubens und den Zustand der Kirche. Eine Profilierung von Positionen und Kandidaten war anschließend nicht zu vermelden. Gut drei Stunden war von diesem und jenem dieses und jenes mehr oder weniger Bedeutungsvolle gesagt worden. Es war aber auch kaum zu erwarten gewesen, dass unter der Leitung des scheidenden Vorsitzenden im Plenum ungeschützt und ungeschminkt über die Lehren aus der vergangenen Amtszeit debattiert werden würde.

          Es fügte sich also, dass Marx am Mittwochmorgen dem gemeinsamen Gottesdienst im frisch renovierten Paulus-Dom vorstand und die Predigt hielt. Diese Chance ließ er sich nicht entgehen. Wortgewaltig und in freier Rede zeigte er sich als Inkarnation der Programmschrift von Papst Franziskus namens „Freude am Evangelium“ (Evangelii gaudium). Freilich wirkte die Freude nicht auf alle Wahlberechtigen ansteckend. Erst im vierten Wahlgang und mit einer hauchdünnen Mehrheit, zu der die vielen Weihbischöfe maßgeblich beigetragen hatten, wurde Marx für sechs Jahre zum neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt.

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