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: Der Not gehorchend?

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Was "68" kennzeichnete, war in erster Linie Ambivalenz, wie Kraushaar deutlich herausstellt: Freiheitsbewegung für eine "subjektbestimmte Modernität" einerseits und antibürgerliche Illiberalität im Zeichen des "neuen Menschen" andererseits. Vor diesem Hintergrund kann nicht einfach von einer "Fundamentalliberalisierung" der Bundesrepublik durch die ohnehin dezidiert antiliberalen 68er (mit der Verbalkeule "Scheißliberale") die Rede sein, wie sie von Lucke so emphatisch führt, und auch nicht von einer Beförderung der "Zivilgesellschaft", mit der die antibürgerlichen "68er" nichts zu schaffen hatten, auch nicht als unintendierte Folge intentionalen Handelns.

Denn dafür gibt es wenig empirische Evidenz. Vielmehr verbanden sich "68" und die Folgen mit einem allgemeinen Wertewandel, der schon in den mittleren sechziger Jahren eingesetzt hatte und der sich nun beschleunigte und verstärkte: einem Wandel von Pflichtwerten und der Akzeptanz des Vorgegebenen hin zu Freiheits- und Selbstentfaltungswerten, in emanzipatorischer ebenso wie in hedonistischer Dimension. Ebendies hat aber auch die bürgerlichen Kreise nicht unberührt gelassen. Individuelle Freiheitsspielräume - ein genuin bürgerlich-liberales Anliegen - haben ebenso zugenommen, wie sich die Geschlechterverhältnisse oder die Standards der Kindererziehung von den Festlegungen der bürgerlichen Gesellschaft in den sechziger Jahren entfernt haben. Auch die hedonistische Komponente hat sich allerorten verbreitet, und nicht selten haben gerade diejenigen, die den Werteverfall seit 1968 beklagen, soeben ihren vierten Jahresurlaub gebucht. Zugleich haben auch dort im Zeichen vordringender staatlicher Rundumregulierung genuin bürgerliche Orientierungen wie diejenige der Selbstverantwortung an Bedeutung verloren, wenn beispielsweise den Familien allenthalben kaum mehr zugetraut wird, die Erziehung und Persönlichkeitsbildung ihrer Kinder besser zu leisten als der Staat. In diesen sozialkulturellen Entwicklungen ebenso wie in der Tradition eines antibürgerlichen Misstrauens, das heute in der Tradition staatlichen Kümmerns daherkommt, liegt das eigentliche Thema 40 Jahre nach 68.

Götz Aly: Unser Kampf. 1968 - ein irritierter Blick zurück. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 253 S., 19,90 [Euro].

Wolfgang Kraushaar: Achtundsechzig. Eine Bilanz. Propyläen Verlag, Berlin 2008. 335 S., 19,90 [Euro].

Albrecht von Lucke: 68 oder neues Biedermeier. Der Kampf um die Deutungsmacht. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2008. 96 S., 9,90 [Euro].

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