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: Der Not gehorchend?

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In sozial-kultureller Hinsicht sticht der Vergangenheitsbezug der 68er auf den Nationalsozialismus heraus. Er stand allerdings nicht unter originär historisch-moralischen, sondern unter genuin sozialistisch-"antifaschistischen" Vorzeichen. So besaß er in erster Linie eine antikapitalistische und somit zugleich antibürgerliche Stoßrichtung, wie sie für "68" charakteristisch ist. "Bürgerlich" bedeutete dabei in den sechziger Jahren die konkrete Engführung einer in vielem kleinbürgerlich-altfränkischen, hierarchischen Sozialkultur zum einen und ebenso das allgemeine Konzept von Individualität, Freiheit und Pluralismus. Die 68er verfolgten demgegenüber "die Absicht, die als Repressionszusammenhang entlarvte Familie durch andere Kollektivformen zu ersetzen und auf diese Weise mit der Kernzelle der alten Gesellschaft Tabula rasa zu machen" (Kraushaar) - die "experimentelle Erprobung einer neuen Kollektivität" mit dem Anspruch einer neuen Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung führte freilich mitten in die Illiberalität einer eben nicht pluralistischen und freiheitlichen Ordnungsvorgabe, in den doktrinären Zwang des "neuen Menschen".

An ebendiesem Punkt lag die totalitäre Versuchung der 68er, und die verbotene Frucht war die der Gewalt. Die RAF war nur der extremste Strang eines stufenweise entgrenzten Prozesses, zu dem nicht zuletzt eine "ausgeprägte ästhetische Selbstinszenierung" von Militanz und Männlichkeit gehörte (Kraushaar) und in dem nicht Mahatma Gandhi, sondern Che Guevara als Idol firmierte. Horst Mahlers Weg von der extremen Linken auf die extreme Rechte etwa folgte, wie Kraushaar herausstellt, einer Spur der Kontinuität von Antiamerikanismus, Antisemitismus und Ablehnung des Rechts- und Verfassungsstaates. Konsequenter noch, wenn auch zu einlinig, zieht Aly diese - schon zeitgenössisch wiederholt angesprochene - deutsche Kontinuität antibürgerlicher Unbedingtheit, wie bereits der provozierende Titel seines Buches andeutet: dass nämlich die 68er "ihren Eltern, den Dreiunddreißigern, auf elende Weise ähnelten. Diese wie jene sahen sich als ,Bewegung', die das ,System' der Republik von der historischen Bühne fegen wollte." Zugleich geht er, auf der Suche nach Erklärungen dann auch wieder nachdenklicher und differenzierter, einen Schritt weiter zur sozialkulturellen Disposition des gesamten, durch Kriege und Katastrophen tief erschütterten Landes, in dem die Auseinandersetzung in weitgehender gegenseitiger Verständnislosigkeit eskalierte: "Die Achtundsechzigerrevolte nahm ihren heillosen Lauf, weil der alten Bundesrepublik der ideelle Kern fehlte, den eine freie Gesellschaft braucht."

Was die Akteure von 1968 in jenem engeren Sinne des Zeitraums zwischen Frühsommer 1967 und Spätherbst 1969 betrifft, so unterscheidet Kraushaar in seinem Bemühen um Differenzierung, wenn auch terminologisch nicht immer ganz konsistent, vor allem zwischen zwei Richtungen: den antiautoritären "Gradualisten" der Gesellschaftsveränderung auf der einen Seite (die freilich auf Rätesozialismus und Anarchismus zielten) und den revolutionären "Maximalisten" auf der anderen, die ihrerseits in eine antiautoritäre und eine autoritäre Richtung zerfielen. Schon dies ist heterogen genug, und ein gemeinsamer Nenner lässt sich kaum finden; selbst die antiautoritäre Zielrichtung stellte nur bedingt ein verbindendes Element dar, galt sie doch von vornherein nicht für die antipluralistischen Marxisten, und auch für den Mainstream um den SDS führte die Reise schnell darüber hinaus, wenn es darum ging, "den Staat abzuschaffen und die bürgerliche Gesellschaft radikal umzuwandeln". Die Unüberbrückbarkeit der unterschiedlichen Positionen trat in aller Deutlichkeit zutage, als mit der Verabschiedung der Notstandsgesetze am 30. Mai 1968 das einigende Band der Opposition zerriss; die Maximalisten setzten zum "Sturmlauf gegen die Einrichtungen von Staat und Gesellschaft" an, der die einen in den Terrorismus führte, während die Gradualisten sich an innergesellschaftlichen Veränderungen abarbeiteten.

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