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: Der Not gehorchend?

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Da ist die unkonventionelle Selbstreflexion der 68er doch erheblich origineller: Götz Alys "irritierter Blick zurück" auf die eigene Vergangenheit etwa. Mehr als Kraushaar ein Aktivist von 1968/69 und der frühen siebziger Jahre, hat sich Aly in den vergangenen Jahren zum enfant terrible einer thesenstarken und öffentlichkeitswirksamen, wissenschaftlich fundierten historisch-politischen Publizistik entwickelt. Auch diese fulminante Polemik beruht neben ihren autobiographischen Grundlagen auf wichtigen Quellen: den deklassifizierten Informationen des Bundesamtes für Verfassungsschutz, den Nachlässen von Ernst Fraenkel und Richard Löwenthal, die in Berlin vergebens Brücken zu den 68ern zu bauen suchten, sowie auf zeitgenössischen Druckschriften, deren Lektüre er als "schwere Selbstprüfung" empfand: "Ungleich leichter lässt sich über die Vergangenheit anderer schreiben."

Geistreich, persönlich und unfair geht Aly mit Sarkasmus stets dahin, wo es weh tut, vor allem seinen alten Gefährten: "An Häuserwänden stand ,High sein, frei sein, Terror muss dabei sein'. Es entstand eine Art Sentimentalstalinismus. In seiner Kurzbiographie schrieb der langsam alternde Revoluzzer: lebt und arbeitet in Berlin. Was immer das bedeuten mochte. Zwischen Kranzler-Eck und Schlesischem Tor etablierte sich bis in die späten achtziger Jahre hinein ein juste milieu von Egomanen." Wo bei Kraushaar noch eine gewisse Nostalgie durchscheint, gießt Aly Kübel voller Spott über die perpetuierte "luxurierende Jugendexistenz" der westdeutschen Dauerachtundsechziger im Idyll der alten Bundesrepublik und ihre Ignoranz gegenüber den Deutschen in der DDR, die sich 1989 immerhin zugutehalten konnten, eine wirklich repressive Obrigkeit zum Sturz gebracht zu haben - und im Ergebnis dem alt gewordenen westdeutschen Privatdozenten noch eine "Last-Minute-Sinekure in Rostock" verschafften. So schreibt der Autor, dem selbst der Sprung auf eine Professur verwehrt blieb. Alles nicht so einfach mit diesen 68ern.

Wie nun ist "68" mit der Erfahrung von vierzig Jahren zeithistorisch zu bilanzieren? Kraushaar unterscheidet zwischen einer politischen und einer sozial-kulturellen Bilanz. Politisch ist zunächst festzuhalten, dass eine Verbindung zu den deutschen Arbeitern nicht gelang und daher niemals irgendein wirklich revolutionäres Szenario entstand. Zwei konkrete Erfolge hält Kraushaar den 68ern zugute: zum einen die Abschwächung der ursprünglich geplanten Notstandsgesetze, ohne jedoch empirische Belege dafür beizubringen, inwiefern die Außerparlamentarische Opposition (APO) beziehungsweise ihre Perzeption konkret auf den Gesetzgebungsprozess einwirkte. Dasselbe gilt für das zweite Aktivum seiner Bilanz: dass nämlich die APO den Einzug der NPD in den Bundestag von 1969 zu verhindern und somit der sozialliberalen Koalition in den Sattel half. Hier schimmert (wie auch bei von Lucke und Aly) eine nostalgische Überhöhung nicht von 1968, sondern des Machtwechsels von 1969 als der Umgründung der Republik, der guten Reform und des guten Kanzlers durch, wie überhaupt die Regierung Brandt zunehmend zum positiven Bezugspunkt einer bundesdeutschen Geschichtsschreibung im Zeichen der Liberalisierung avanciert, in der sich für einen kurzen historischen Moment die Melancholie des linken Traums von einer besseren Welt zu materialisieren schien, den ansonsten das 20. Jahrhundert pulverisiert hat.

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