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: Der Medienskandal bleibt unerwähnt

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Wenn es eine Geschichte gibt, die Hans Leyendecker noch heute peinlich ist, dann ist es wohl „Bad Kleinen“. Seit zwanzig Jahren entschuldigt sich der damalige ...

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          Wenn es eine Geschichte gibt, die Hans Leyendecker noch heute peinlich ist, dann ist es wohl „Bad Kleinen“. Seit zwanzig Jahren entschuldigt sich der damalige „Spiegel“-Redakteur für die Titelgeschichte „Der Todesschuss - Versagen der Terrorfahnder“, wirklich aufgeklärt aber wurden die Hintergründe des Artikels, der unmittelbar zum Rücktritt des damaligen Innenministers Rudolf Seiters, zu weiteren Rücktritten und Entlassungen beispielsweise des Generalbundesanwalts Alexander von Stahl sowie zu weitreichenden Umstrukturierungen bei den Sicherheitsbehörden führte, bis heute nicht.

          Im Interview mit dem Deutschlandfunk 2007 anlässlich der Verleihung des „Wächterpreises der Tagespresse“ gab sich der Journalist, wie bei anderen Gelegenheiten, zerknirscht: „Eine verheerende Geschichte ..., für den ,Spiegel’ verheerend. Die Folgen waren, dass eine Reihe von Leuten zurückgetreten ist, und eigentlich hätte ich auch gefeuert werden müssen.“ Da habe es einen Beamten gegeben, der behauptete, „der Terrorist Grams sei von zwei Kollegen praktisch hingerichtet worden“. Und er habe „dieser Aussage eine zu große Bedeutung gegeben, sie zu wenig relativiert und das Ganze zu stark aufgeblasen. Dadurch entstand der Eindruck, dass das, was dieser Zeuge gesagt hat, auch korrekt gewesen sei. Das kann man so nicht behaupten.“

          Zerknirschung aber ist nicht genug. Denn die Legende lebt, obwohl sowohl durch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Schwerin unter dem Leitenden Oberstaatsanwalt Gerrit Schwarz als auch durch den Abschlussbericht der Bundesregierung vom 1. März 1994 sowie die Ablehnung des Klageerzwingungsverfahrens der Eltern von Wolfgang Grams durch das Oberlandesgericht Rostock seit Jahren kein vernünftiger Zweifel an der Selbsttötung des Terroristen bei seiner versuchten Festnahme im Bahnhof von Bad Kleinen mehr bestehen kann.

          Die Mär aber lebt nicht nur weiter, sondern feiert in einer von WDR und NDR koproduzierten Dokumentation gerade Urständ. „Vom Versagen deutscher Sicherheitsorgane“ heißt die Dokumentation von Anne Kauth im Untertitel, die bei Arte am 18. Juni zum ersten Mal lief und seither in einigen dritten Programmen wiederholt wurde. „Endstation Bad Kleinen“ ist ein Film, der, gelinde gesagt, mit einigen Merkwürdigkeiten behaftet ist.

          Fast gleichzeitig wurde mit „Zugriff im Tunnel“ von Egmont R. Koch im Ersten eine weitere aktuelle, diesmal von NDR und SWR koproduzierte Bad-Kleinen-Dokumentation ausgestrahlt. Unterschiedlicher als in diesen beiden Filmen kann die Bewertung der missglückten Polizeiaktion vom 27. Juni 1993 kaum ausfallen, bei der GSG-9-Beamte die Terroristin Birgit Hogefeld festnehmen konnten, durch offensichtliche Fehler bei der Abstimmung über den „Zugriff“ Wolfgang Grams aber flüchten konnte, beim folgenden Schusswechsel den GSG-9-Beamten Michael Newrzella erschoss und einen anderen schwer verletzte, bevor er selbst durch mehrere Schussverletzungen, unter anderem einen aufgesetzten Kopfschuss aus seiner eigenen Waffe, wie mehrere Gutachter später feststellten, verstarb.

          Dass es auch später, vor allem aufgrund mangelhafter Spurensicherung sowie des Versuch des Verfassungsschutzes, die Anwesenheit ihres V-Manns Klas Steinmetz zu verheimlichen, zu Pannen und Fehldeutungen kam, die zu großer Verunsicherung der Öffentlichkeit führten, dass sich Bad Kleinen zur Staatskrise auswuchs, scheint der Film von Anne Kauth, auf den ersten Blick beeindruckend genau in vielen Details und Zusammenhängen recherchiert, aufzuzeigen.

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