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Fall Gurlitt : Ohne Wenn und Aber: Bern nimmt das Erbe an

  • -Aktualisiert am

Ein Jahr lang zog sich der Fall um den „Schwabinger Kunstfund“. Auf diese Pressekonferenz haben alle gewartet: Nun haben Deutschland und die Schweiz eine Regelung gefunden, die Maßstäbe setzen könnte.

          5 Min.

          Das Wort des Tages lautet: Transparenz. Fast genau ein Jahr nachdem der „Schwabinger Kunstfund“ wochenlang für Schlagzeilen gesorgt hat, wurde am Montag eine Pressekonferenz anberaumt, von der ohne Übertreibung behauptet werden kann, dass die Welt auf sie gewartet hat. Monika Grütters, die Staatsministerin für Kultur, hatte zusammen mit dem Stiftungsratspräsidenten des Kunstmuseums Bern, Christoph Schäublin, und dem bayerischen Justizminister Winfried Bausback Journalisten ins Presse- und Informationsamt der Bundesregierung in die Berliner Dorotheenstraße eingeladen. Schon damit gab man zu erkennen, dass der Fall, dessen Schauplätze bisher vor allem München, Salzburg und neuerdings Bern waren, in Berlin zur Chefsache erklärt worden war.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Andrang war gewaltig, zwei Dutzend Fernsehkameras bildeten einen dichten Wald aus Objektiven, schwarzem Gestänge und Kabeln, die Kameras ratterten wie ein Schwarm Hubschrauber, als Schäublin verkündete, dass der Stiftungsrat in Bern beschlossen habe, das Erbe Gurlitts anzutreten. Er tat das nicht, ohne mehrfach zu betonen, die Entscheidung des Erblassers, seine Sammlung nach Bern zu geben, habe dort alle „in höchstem Maße erstaunt“. Aber da man sich nach Gesprächen über Bedingungen und gemeinsame Verantwortung mit der Bundesrepublik im Kanzleramt, die am 27. Juni stattfanden, zu einer Annahme des Erbes entschlossen habe, hätten „Anfechtungen kein ausschlaggebender Faktor“ sein können.

          „Ohne Wenn und Aber“

          Das war an diesem Morgen fast der einzige Moment, an dem der jüngste Antrag von Gurlitts sechsundachtzigjähriger Cousine Uta Werner, die in der vergangenen Woche Anspruch auf das Erbe erhob, erwähnt wurde (unser Kasten auf dieser Seite). In Bern mag die Annahme schon länger festgestanden haben, der Schritt war trotzdem nicht leicht. Schäublin machte deutlich, dass man Gurlitts Sammlung durchaus auch vor dem Hintergrund der Frage diskutiert habe, ob „die Reputation des Museums und seine wirtschaftliche Stabilität“ durch eine Annahme des Erbes gefährdet werden könnten. Er betonte, dass Werke, die nachweisbar oder „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ NS-Raubkunst seien, „nicht über die Schwelle des Museums“ und nicht einmal auf Schweizer Boden gelangen dürfen.

          Was das bedeutet, stellte Grütters klar: Bern gründet zwar, wie auch Schäublin betonte, eine eigene Forschungsstelle. Verdachtsbehaftete Werke bleiben aber solange in Deutschland, bis die Provenienz geklärt und mögliche berechtigte Antragsteller gefunden sind. Dazu sollen auch Ausstellungen der Werke stattfinden. Auf diese Weise will man aktiv nach Antragstellern für die Kunst suchen. Alle im Nachlass verzeichneten Objekte, die sich als NS-Raubkunst erweisen, werden „ohne Wenn und Aber“ an die Berechtigten zurückgegeben. Deutschland übernimmt die Rechtskosten für mögliche Restitutionen und Streitfälle und übernimmt auch die Verantwortung für den Salzburger Fund. Erst wenn, so Grütters weiter, sich nicht hinreichend klären lasse, ob es sich bei einem Werk um NS-Raubkunst handle, müsse Bern entscheiden, ob es dieses Werk übernehmen wolle; dann fällt die alleinige Verantwortung für das Werk und mögliche Streitigkeiten an die Schweiz.

          Gurlitts Geschäftsbücher wurden veröffentlicht

          Die Regelung ist für Bern komfortabel. Unklar ist jedoch, was am Ende von den Werken der Sammlung überhaupt in der Schweiz landet. Es gebe „Spitzenwerke“, aber, wie Schäublin zurecht erklärte, „auch weniger Spektakuläres“. So bleibt es bei ihm vorerst bei einem „Gefühl verhaltener Vorfreude“. Anders gesagt: Es ist ungewiss, was am Ende für Bern an Zeigenswertem übrigbleibt, wenn auch die Werke in Deutschland bleiben, die „höchstwahrscheinlich“ Raubkunst seien – denn das können viele sein. Im schlechtesten Fall ist Bern bald Eigentümer einer der weltweit größten Louis-Gurlitt-Sammlungen. Auch viele Werke des malenden Urgroßvaters von Cornelius Gurlitt gehören nämlich zur Sammlung. Es dürfte sich dabei vorwiegend um Landschaften handeln, Wälder, Gebirge, Seen. Louis Gurlitt lebte von 1812 bis 1897.

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