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DDR-Kunst : Sie will raus, sie schreit!

Kraftakt: Michael Morgners unbetitelte Radierung aus dem Jahr 1983 auf Büttenpapier für geschätzte 1000 Euro Bild: Jeschke Van Vliet

Jörg Hallerbach musste beruflich häufig vom Westen in den Osten Deutschlands reisen. Unterwegs kaufte er Kunst direkt in den Ateliers der Dissidenten der ehemaligen DDR. Jetzt wird seine Sammlung versteigert.

          Im Gedenken an den Fall der Mauer vor fünfundzwanzig Jahren versteigert das Auktionshaus Jeschke Van Vliet in Berlin am 22. Februar knapp 700 Arbeiten ostdeutscher Künstler. Im Zentrum steht die Ende der achtziger Jahre zusammengetragene Sammlung von Jörg Hallerbach. Die Auktion war schon geplant, als der rheinische Unternehmer am 19. Dezember 2013 auf der Suche nach seltenen Orchideen im Teidegebirge auf Teneriffa tödlich verunglückte. Zum Ausruf gelangen neben Gemälden, Papierarbeiten und Druckgraphiken 178 Künstlerbücher, die Hallerbach während seiner beruflichen Reisen in die DDR mehrheitlich bei den Künstlern selbst erworben hatte. Erste Kontakte ergaben sich 1988 in Halle, wo der Gast aus dem Westen die „Enge und Unfreiheit“ der Künstler wahrnahm und das brennende Verlangen nach ungedrosselter Entfaltung festhielt: „Sie will raus, sie schreit, die Kunst!“.

          Camilla Blechen

          Redakteurin im Feuilleton.

          Anders als in der Bundesrepublik, wo man auf kostbarem Papier drucken und den Verkauf über renommierte Galerien abwickeln konnte, entstanden die Künstlerbücher in der DDR für einen vorsichtig ausgewählten Kreis von Abnehmern im Schutz der Ateliers. Da illustrierte Texte nicht der Genehmigungspflicht unterlagen, fanden die Künstler hier eine Nische für ihre teils unverhohlen subversiven Veröffentlichungen. Die Unterwanderung des parteilich gesteuerten Kontrollsystems erforderte Phantasie, wie sie bei der Dresdnerin Gudrun Trendafilov zum Ausdruck kommt, deren Illustrationen zu Gedichten von Richard Wagner Behinderung durch eine „Kiefer-Klemme“ signalisieren (Taxe 600 Euro). Während der Maler Ulrich Tarlatt in Zusammenarbeit mit dem gebürtigen Chilenen Guillermo Deisler das Thema „Heimatlos“ (80) durchspielt, schmückt der Leipziger E. Tobias ein Leporello für die Galerie Eigen+ Art mit der symbolträchtigen Figur eines Flüchtenden (1000).

          Gudrun Trendafilovs Künstlerbuch „Kiefer-Klemme“, das in einer Auflage von 35 erschien, und nun auf 600 Euro geschätzt ist.

          Ausnahmsweise die Grenzen der DDR überwinden durfte 1985 das in 110 Exemplaren von der Dürer-Presse des Reclam-Verlages herausgebrachte Malerbuch „Unaulutu. Steinchen im Sand“ von Frieder Heinze und Olaf Wegewitz. Unter Bezugnahme auf die visuelle Kultur der Karaja-Indianer kombinierten die beiden Leipziger Zeichnungen, Radierungen, Lithographien und Holzschnitte mit Schwirrhölzern, Reiskörnern und Palmblättern (2600). Mit einer niedrigeren Schätzung von 1400 Euro versehen ist ein ebenfalls unter Mitwirkung von Heinze und Wegewitz 1988 entstandenes „Blindenbuch“, dessen „Einband“ aus Keramik Einritzungen in der Zeichenschrift von Louis Braille aufweist. Drei anspielungsreiche „Bodensatzbücher“ von Wolfgang Henne, eines gelehrigen Schülers des Berliner Satirikers Werner Klemke, sind jeweils auf 450 Euro geschätzt.

          So erfreulich umfangreich die Sammlung von Jörg Hallerbach an überwiegend vergriffenen Künstlerbüchern ist - de facto sind es doch ungleich mehr Objekte, die das Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Bücherei in Leipzig erwerben und bibliographieren konnte. Eine Auswahl der Bestände wurde 1991 zunächst im Mainzer Gutenberg-Museum, anschließend in Erfurt, Paderborn, Chemnitz und Berlin gezeigt. Mit der aktuellen Auktions-Offerte könnten private wie öffentliche Kollektionen von Künstlerbüchern aus dem „anderen Deutschland“ zum Zuge kommen.

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