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Das Parkettgespräch : Die Euro-Gelassenheit

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Der Euro ist in dieser Woche zum Dollar auf ein Rekordhoch gestiegen. Die Aktienbörsen in Europa hat dies kaum beeindruckt. Die Kurse sind vergleichsweise wenig gefallen. Seit Jahresbeginn steht für die meisten Indizes ein stattliches Plus zu Buche.

          Der Euro ist in dieser Woche zum Dollar auf ein Rekordhoch gestiegen. Die Aktienbörsen in Europa hat dies kaum beeindruckt. Die Kurse sind vergleichsweise wenig gefallen. Seit Jahresbeginn steht für die meisten Indizes ein stattliches Plus zu Buche. Unter den großen europäischen Marktbarometern führend ist der Deutsche Aktienindex Dax mit einem Anstieg um 22 Prozent auf gut 8000 Punkte. Dabei macht ein starker Euro die europäischen Produkte für Konsumenten aus dem Dollar-Raum teurer, was einen Rückgang der Nachfrage und mithin der Exporte zur Folge haben könnte. Eigentlich schlechte Nachrichten für die Börse.

          "Die Aktienanleger sehen die Stärke des Euro bisher überraschend gelassen, was sich jedoch rasch ändern kann", sagt Roland Ziegler von der BHF-Bank. Der Aktienstratege erklärt diese Gelassenheit mit mehreren Faktoren: "Zum einen ist es keine überraschende Entwicklung, der Euro-Kurs steigt seit längerem kontinuierlich. Das heißt, die Börsen hatten Zeit, sich darauf einzustellen - so ist es übrigens auch mit dem hohen Ölpreis." Mit einer stärkeren Volatilität am Devisenmarkt hingegen könnten sie schlechter umgehen.

          "Zudem hat die Erfahrung gezeigt, dass zum Beispiel die deutschen Exportunternehmen in einem florierenden weltwirtschaftlichen Umfeld - und genau das haben wir derzeit - keine Schwierigkeiten mit einer solchen Aufwertung haben", erläutert der BHF-Bank-Stratege. Ein ernsthaftes Hindernis entstünde daraus erst, wenn es der Weltwirtschaft schlechter ginge. Das Ergebnis der jüngsten Umfrage des Münchner Ifo-Instituts zur Stimmung unter den deutschen Unternehmen zeige dagegen, dass die Euro-Stärke - außer in einigen speziellen Bereichen - kaum eine Rolle spiele. "Made in Germany ist im Ausland gefragt", stellt Ziegler fest. Und generell gelte zudem: "In positiven Märkten werden potentielle Belastungsfaktoren gerne ausgeblendet."

          Die Euro-Stärke hat aber auch Vorteile für Europas Unternehmen: Viele Gesellschaften agieren global; die im Dollar-Raum entstehenden Kosten fallen dadurch weniger ins Gewicht. Ein weiterer Aspekt: "Wird Rohöl zur Produktion eingesetzt wie im Bereich der Basis-Chemie, federt die Euro-Stärke einen Teil des Ölpreisanstiegs ab", sagt Ziegler. Denn Öl wird in Dollar gehandelt. Dieser Effekt macht auch andere Rohstoffe für Verbraucher im Euro-Raum billiger. "Als Leidtragende eines hohen Euro-Kurses gelten generell Automobilhersteller, der Maschinenbau, Technologiewerte und auch Pharmakonzerne, die mittlerweile sehr international aufgestellt sind", sagt Ziegler.

          Weitere Belastungsfaktoren für den Aktienmarkt seien die Krise am amerikanischen Hypothekenmarkt und eine straffere Geldpolitik. Hierunter leide vor allem der Bankensektor. Dabei seien gerade die europäischen Indizes besonders finanzlastig. "In den Vereinigten Staaten haben sich angesichts konstruktiver Konjunkturdaten die Hoffnungen auf baldige Zinssenkungen verflüchtigt", sagt Ziegler. Auch die Europäische Zentralbank signalisiere keine Entspannung. Allerdings sieht er dieser Entwicklung gelassen entgegen: "Die Wirtschaft läuft gut und braucht keine Hilfe durch die Geldpolitik." Übermäßige Inflationsgefahren gebe es derzeit nicht, obgleich die hohe Auslastung der Industriekapazität in Amerika wie auch in Europa ein Zeichen dafür sei, dass die Preissetzungsmacht der Unternehmen langsam zunehme. Der hohe Ölpreis sei Ausdruck der hohen Energienachfrage infolge des starken wirtschaftlichen Wachstums und stelle daher keine Inflationsgefahr dar. Ziegler wertet die steigenden Kapitalmarktzinsen als einen Prozess der Normalisierung: "Nichts, was dem Aktienmarkt ernsthaft schadet." Möglicherweise wieder stärker in den Vordergrund tretende geopolitische Risiken und neue Terroranschläge könnten die Kurse zwar kurzfristig, aber nicht dauerhaft belasten.

          Von der angelaufenen Berichtssaison der Unternehmen zum zweiten Quartal erwartet sich der Aktienstratege positive Überraschungen. Die Gewinnschätzungen der Analysten seien sehr zurückhaltend und könnten insofern leicht übertroffen werden: "Geschieht dies, dann dürften die Aktien nochmals einen deutlichen Schub bekommen. Zudem sind die Bewertungen der Aktien noch immer günstig." Die deutschen Standardwerte seien dabei billiger als die europäische Konkurrenz. Zudem dürfte der Dax angesichts des positiven wirtschaftlichen Umfelds in den nächsten zwei bis drei Quartalen abermals besonders gut laufen, weil er ein zyklisch geprägter und exportlastiger Index ist. Ziegler benennt das Jahresendziel für den Dax mit 8600 Punkten, zeitweilige Korrekturen eingeschlossen: "2008 sind dann 10 000 Punkte durchaus denkbar." Kerstin Papon

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