https://www.faz.net/-1v0-7nvqt

„Die Kannibalen“ am Berliner Ensemble : Jenseits aller Tränen

  • -Aktualisiert am

Ursula Höpfner-Tabori als Schreckinger und Engel des Todes Bild: dpa

Fressen oder getötet werden: Vor dieser Wahl stehen George Taboris KZ-Häftlinge, die einen erschlagenen Kameraden verspeisen sollen. Am Berliner Ensemble sind „Die Kannibalen“ von 1969 jetzt wieder zu sehen.

          3 Min.

          Es muss ein unheimlicher Abend gewesen sein im Dezember 1969 in West-Berlin, als in der Werkstatt des Schiller-Theaters ein Stück Premiere hatte, wie es sich bis dahin wohl niemand vorzustellen gewagt hatte: „Die Kannibalen“ von George Tabori, uraufgeführt 1968 in New York, fand nämlich ausschließlich in einer Baracke in Auschwitz statt. Und nicht nur das - es zeigte überdies zwölf dort inhaftierte Männer in einem so grausamen wie komischen, expressiv gebrochenen und surreal verfremdeten Überlebenskampf, der keine List, keine Tücke, keinen Zorn, keinen Zweifel und selbst Menschenfresserei nicht ausschloss.

          Die Generation der Täter, der Helfershelfer, der Mitläufer war noch bei Kräften und könnte im Publikum gesessen haben, ebenso wie diejenigen, die Opfer geworden waren, die vielleicht Widerstand geleistet und nach 1945 allmählich den Prozess der Vergangenheitsbewältigung eingeleitet hatten.

          Schwarzer Humor, wie eine dunkle Laterne

          Und dieser in Europa damals unbekannte jüdische Autor, der, 1914 in Budapest geboren, 1935 nach London emigriert war, Romane und Drehbücher geschrieben und in New York das Theater für sich entdeckt hatte und dessen große Familie samt seinem Vater Cornelius - ein bekannter Journalist - von den Nationalsozialisten ermordet worden war, konfrontierte alle mit seinen, ihren, unseren finstersten Alpträumen.

          „Was nach Auschwitz unmöglich geworden ist“, schreibt George Tabori im Programmheft zu seiner gemeinsam mit Martin Fried entwickelten Berliner Inszenierung, „ist weniger das Gedicht als vielmehr Sentimentalität oder auch Pietät.“ Stattdessen fügte er seinem Stück so mutig wie hoffnungsvoll reichlich schwarzen Humor und ungenierten Witz, leichte Musik und verrückte Assoziationen bei, denn: „Es gibt Tabus, die zerstört werden müssen, wollen wir nicht ewig daran würgen.“

          In der Not überleben nur die Menschenfresser: Martin Schneider, Jonathan Kutzner, Axel Werner und Martin Seifert (v.l.n.r.)
          In der Not überleben nur die Menschenfresser: Martin Schneider, Jonathan Kutzner, Axel Werner und Martin Seifert (v.l.n.r.) : Bild: Marquardt/drama-berlin.de

          Im Vorfeld des hundertsten Geburtstages von George Tabori im Mai hat nun der Regisseur Philip Tiedemann „Die Kannibalen“ auf die Probebühne des Berliner Ensembles gebracht, und die Frage war zumal: Was erzählt uns dieses Drama über „das Ereignis jenseits aller Tränen“ heute? Kann, soll, muss man es weiter spielen?

          Mag sich noch jemand für die zwölf Männer in ihrem „Block 6“ erwärmen, die einen der Ihren wegen eines Kanten Brots umbringen und ihn dann in ihrer Hungersnot verschlingen? Und die dabei über Leben und Sterben, Gott und die Welt, praktische Vernunft und angewandte Ethik diskutieren? Die sich Episoden aus ihrer Vergangenheit vorgaukeln, sich Heimkehrszenarien ausdenken, sich Rezepte auf der Zunge zergehen lassen, Schlager singen („Ausgerechnet Bananen“), ihre Würde bewahren wollen, die verlieren - und trotzdem gewinnen?

          Wenn nach knapp zwei Stunden Tiedemanns behutsame, kunstreich formalisierte Inszenierung zu Ende ist, kann man all diese Fragen nur bejahen, weil dieses Werk zu eindringlich, fordernd und treffend ist, als dass es uns nicht mehr tangieren dürfte: Tiedemann hat es auf eine selbstentworfene schräge, rau-gemaserte Fläche versetzt, die zu Beginn ein seidiger roter Vorhang verbirgt.

          Den erschlagenen Kameraden verspeisen oder im Duschraum umkommen: Das Berliner Ensemble bringt Taboris Stück eindringlich auf die Bühne
          Den erschlagenen Kameraden verspeisen oder im Duschraum umkommen: Das Berliner Ensemble bringt Taboris Stück eindringlich auf die Bühne : Bild: dpa

          Die Häftlinge tragen dunkle, dezent altmodische Anzüge. Eine Tonne zum Kochen der Leiche, ein paar Tische und Bänke genügen für diese schwarze Messe, in der die Verwundungen, Neurosen und Traumata von Opfern wie Tätern der Schoa mit den Mitteln des Theaters zur öffentlichen Angelegenheit werden.

          Die Zeiten und Räume wechseln sprunghaft, die Figuren sprechen manchmal wie gespaltene Persönlichkeiten über sich als „ich“ und „er“.

          Martin Seifert gibt den sanftmütig-weisen Stubenältesten, genannt Onkel, in dem Tabori seinen Vater („umgekommen in Auschwitz, ein bescheidener Esser“) porträtierte, dem er das Stück auch widmete. Onkels Hände sind sauber wie die weißen Handschuhe, die er sogar in dieser Hölle trägt. Er lehnt die Kameradensuppe von Anfang an ab, nach der sich seine Leidensgenossen, aufgereiht an einer langen Tafel wie die zwölf Apostel beim letzten Abendmahl, so verzweifelt sehnen.

          Plädoyer für ein kühnes Stück

          Als am Schluss Ursula Höpfner-Tabori, die letzte Ehefrau des Autors, als sadistischer SS-Offizier mitkriegt, was da im Topf schmort, will dieser „Engel des Todes“ das verlorene Häuflein zwingen, vor seinen gnadenlosen Augen davon zu essen - oder zu sterben. Das verdirbt ihnen den Appetit, sie ziehen die Gaskammer vor.

          Axel Werner als Hirschler und Thomas Wittmann als Heltai hingegen, hervorgehoben durch gestreifte Sträflingskleider unterm Mantel, entscheiden sich anders und überleben. Freilich haben sie all das noch Jahre später - inzwischen Frauenarzt der eine, der andere Besitzer einer Spielzeugfabrik - nicht verkraftet, obwohl sie stolz ihre vorgebliche Normalität betonen.

          Geschickt hat Philip Tiedemann „Die Kannibalen“ fast wie eine Sprechoper gestaltet, in der das souverän choreographierte Ensemble alle akustischen Begleitumstände vom Kochen des Wassers bis zur Polyphonie des Straßenverkehrs phonetisch produziert. Obwohl manches zugespitzter und zupackender sein könnte, ist die Inszenierung insgesamt abgründig genau gelungen und ein Plädoyer für dieses kühne Stück, dem im Namen des Menschen nichts Menschliches fremd ist.

          Topmeldungen

          Joshua Kimmich : Die Königsfigur

          Was hasst Joshua Kimmich mehr, als ein Spiel zu verlieren? Zwei Spiele zu verlieren. Es wird viel mit ihm zu tun haben, ob die Nationalmannschaft das gegen Portugal verhindern kann.
          Vor der Amtsübergabe: Joe Biden mit seiner Frau Gill am 20. Januar in der Cathedral of St. Matthew the Apostle in Washington D.C.

          Aufstand der Bischöfe : Keine Kommunion mehr für Joe Biden?

          Amerikas katholische Bischöfe kritisieren, dass sich Präsident Biden beim Thema Schwangerschaftsabbruch an die geltende Rechtslage hält. Bald könnte er von der Kommunion verbannt werden.