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Darmstädter Mathildenhöhe : Putz und Fenster für die Welterbe-Bewerbung

  • -Aktualisiert am

Im Originalzustand: Das 1908 entstandene Foto von Olbrichs Ausstellungsgebäude und dem Hochzeitsturm auf der Darmstädter Mathildenhöhe könnte als Vorlage für die Umbauten dienen. Bild: Institut Mathildenhöhe

Der Teilerfolg auf dem Weg zum Welterbe beschwingt Darmstadts Kommunalpolitiker: Es gibt mehr Geld für die Sanierung des Ausstellungsgebäudes auf der Mathildenhöhe.

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          Nur wenige Tage nach der Mitteilung, dass das Jugendstilensemble Mathildenhöhe auf die deutsche Bewerberliste für das Unesco-Weltkulturerbe kommt, haben die Stadtverordneten ein weiteres Mal den Geldhahn geöffnet. Nach ihrem mit großer Mehrheit gegen die Stimmen von Uffbasse, Piraten und Uwiga am Dienstagabend gefassten Beschluss darf der Eigenbetrieb Kulturinstitute ein Darlehen in Höhe von 560.000 Euro aufnehmen.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Diese Summe soll eingesetzt werden, um die Ausstellungshalle auf der Mathildenhöhe wieder in den Ursprungszustand von 1908 zurückzuversetzen. Beabsichtigt ist, im Rahmen der laufenden Gesamtsanierung jene Fenster wieder einzufügen, die während der Umbauten in den siebziger Jahren zugemauert worden waren. Außerdem soll das Gebäude nicht, wie zunächst vorgesehen, von innen gedämmt werden, sondern einen besonderen mineralischen Außenputz erhalten.

          Jeder Euro sei „Zukunftsinvestition“ in die Stadt

          Die Entscheidung stand ganz im Kontext der Kultusministerkonferenz, die kürzlich über die Weltkulturerbe-Anträge aus den Bundesländern befunden hatte. Aus der Rhein-Main-Region wurden für die sogenannte Tentativliste die Künstlerkolonie Mathildenhöhe für Platz vier nominiert und direkt dahinter die „Schum-Städte“ Mainz, Worms und Speyer. Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) sagte in der Debatte, die zusätzlich benötigten 560.000 Euro für das Ausstellungsgebäude seien als „Baustein“ der Darmstädter Welterbe-Bewerbung zu verstehen.

          Auch Vertreter der Koalitionsfraktionen Grüne und CDU sowie der SPD hoben diesen Aspekt der Investition hervor. So sprach die Sprecherin der Grünen, Hildegard Förster-Heldmann, von einem „tollen Teilerfolg“ im Bewerberverfahren, die CDU-Stadtverordnete Irene Jost-Göckel von einem „Freudentag“: Jeder Euro, der jetzt für die Mathildenhöhe ausgegeben werde, sei eine „Zukunftsinvestition in die Stadt“. Die kulturpolitische Sprecherin der SPD, Dagmar Metzger, verwies darauf, dass die Mathildenhöhe schon immer für alle Oberbürgermeister der Stadt wichtig gewesen sei. Sie widersprach damit Förster-Heldmann, die mit Hinweis auf die früheren Auseinandersetzungen um den Bau des Sander-Museums geäußert hatte, erst die grün-schwarze Koalition habe die Situation auf der Mathildenhöhe „befriedet“ und den Weg zur Welterbe-Bewerbung frei gemacht.

          Wählergemeinschaft kritisiert Kostensteigerung

          Unumstritten ist, dass die Ausstellungshallen auf der Mathildenhöhe von kaum zu überschätzender Bedeutung für den Jugendstilkomplex auf der Mathildenhöhe sind. Sie waren 1908, nach Plänen von Joseph Marie Olbrich gebaut, als „Gebäude für Freie Kunst“ eröffnet worden. Seitdem dominiert das Ensemble zusammen mit der Russischen Kapelle Darmstadts Musenhügel. Der Eigenbetrieb Kulturinstitute hatte deshalb in seinem Beschluss zur Wiederherstellung der ursprünglichen Fenster auch gemahnt, der Verzicht auf eine Rekonstruktion könne zu einer „Schwächung der Plausibilität des Welterbeantrages“ führen.

          Widerspruch gab es gleichwohl von den Wählergemeinschaften Uwiga und Uffbasse, deren Kritik den Kostensteigerungen galt. Helmut Klett (Uwiga) sprach von einem „bauphysikalischen Abenteuer“, Kerstin Lau (Uffbasse) von einem Hang der grün-schwarzen Koalition zu Pilot- und Leuchtturmprojekten, die besonders teuer ausfielen. Tatsächlich steigen seit Beginn der Planungen die Sanierungskosten für das Ausstellungsgebäude ständig. In der ursprünglichen Machbarkeitsstudie war eine Investitionssumme von rund sieben Millionen Euro veranschlagt worden. Im August 2011 bezifferte die Betriebskommission die Gesamtausgaben mit 9,2 Millionen Euro. Lau nannte als aktuellen Stand den Betrag von 9,8 Millionen Euro.

          Hinzu kommt, dass sich die Planungen mehrmals geändert haben. Nach einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik war anfangs vorgesehen, das Dach zu sanieren und zu dämmen und die gesamte Hausinstallation inklusive der Wärme-, Raumluft- und kältetechnischen Anlagen komplett zu erneuern. Weil dies aber zu keinen nennenswerten Einsparungen bei den Energiekosten geführt hätte, wurden der Bau eines Blockheizkraftwerks, eine „Oberflächentemperierung der Hallen“ und die Nutzung von Geothermie ins Auge gefasst.

          Die jetzt bewilligte Summe von mehr als einer halben Million Euro soll dazu dienen, in die Halle 2 zur Belichtung sechs Fensterelemente nach historischem Vorbild einzubauen und die weiteren, noch vorhandenen 20 Fensteröffnungen mit gegossenen Beton-Fertigteilen in Form früherer Fensterelemente zu versehen. Außerdem soll statt der Innendämmung auf die Außenfassade ein drei Zentimeter dicker Putz aufgebracht werden, der sich aus Aerogelbestandteilen und Kalkmörtel zusammensetzt und erhöhte Wärmedämmeigenschaften aufweist. Diese Methode, so heißt es im Bericht der Betriebskommission, sei bauphysikalisch von Vorteil, da so die Außentemperaturen aus dem Mauerwerk ferngehalten würden. Außerdem werde auf diese Weise der gesamte Außenputz der Ausstellungshalle erneuert, während die bisherige Planung lediglich eine Sanierung schadhafter Putzstellen vorgesehen habe.

          Neuer Putz und neue Fenster werden nach Ansicht des Stadtverordneten Ctirad Kotoucek dazu führen, dass die Wahrnehmung einer „Rückseite“ der Mathildenhöhe korrigiert werde. Das sei ein großer Gewinn. Der Oberbürgermeister wollte am Dienstag auch finanzielle Gewinne nicht ausschließen: Die vorgesehene Außendämmung könne zu einer Kostenreduzierung führen, so dass das bereitgestellte Budget möglicherweise gar nicht ausgeschöpft werden müsse.

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