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Daniel Barenboim im Gespräch : Und die Welt versinkt

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Von Sibelius habe ich bisher nur die Fünfte Symphonie und das Violinkonzert dirigiert. Gern würde ich auch die Siebte und die Vierte Symphonie machen. Im Fall von Sibelius gibt es in Deutschland das besondere Phänomen, dass viele von vornherein denken, dies sei zweitklassige Musik. Aber das stimmt nicht. Außerdem will ich ab 2014 einen Zyklus aller Schubert-Sonaten spielen. Und ich möchte noch mehr von Elliott Carter aufführen. Sein Tod hat mich sehr erschüttert.

Sie haben viel von Elliott Carter uraufgeführt.

Carter trat auf in einem Moment in der Musikgeschichte, nach dem Neoklassizismus, als die musikalische Welt sich aufteilte zwischen Strawinsky und Schönberg. Und Carter, als Amerikaner, hat beide Pole in seiner Musik zusammengebracht. Er sagte einmal etwas sehr Schönes über seine Cellosonate, die er 1948 schrieb: Der Cellist müsse „schönbergsch“ spielen, und der Pianist müsse „strawinskysch“ spielen. Dinge miteinander zu vereinbaren, die gar nicht zusammengehen, das ist unglaublich wichtig. Auch deshalb lagen Carters Stücke mir so am Herzen. Ich habe jedes Jahr in Chicago, später dann in Berlin, ständig neue Stücke von Carter gelernt und aufgeführt. Seine einzige Oper „What next?“ habe ich in Auftrag gegeben. Da ist jetzt für mich plötzlich eine große Lücke. Ich habe ihn sehr geliebt. Ich weiß, das klingt sentimental. Jemand, der mit hundertdrei Jahren stirbt, hat es verdient, einfach einzuschlafen und zu gehen. Wie kann man nur traurig sein, wenn einer stirbt in diesem Alter? Man sollte dankbar sein, dass er so lange gelebt hat. Trotzdem: Jemand, der so viel bedeutet, der fehlt.

Elliott Carter gehörte zu keiner Schule, er hatte auch keine Schüler. Pierre Boulez schon.

Ja, Carter war ein Sonderfall. Boulez hat Schüler, das stimmt, Philippe Manoury zum Beispiel, es gibt eine neue französische Schule. Aber wir haben hier in Deutschland auch einen großen jungen Komponisten: Jörg Widmann. Vielleicht sollte ich mich jetzt mehr mit seiner Musik beschäftigen, wo ich keinen Carter mehr habe!

Die Maler und die Schriftsteller haben es leichter: Bei ihnen ist die Akzeptanz schneller da. Bis neue Musik sich durchsetzt, dauert es eine Weile.

Ja, aber es gibt kleine Fortschritte! Heutzutage braucht es zehn oder zwanzig Jahre, bis ein wirklich gutes Musikstück sich durchsetzt. Das letzte Klavierkonzert Mozarts, das B-Dur-Konzert aus dem Jahr seines Todes, das heute als Meisterwerk schlechthin gilt, wurde mehr als hundert Jahre lang verdrängt. Mozart hatte es selbst uraufgeführt in Wien, 1791. Danach wurde es das nächste Mal erst wieder 1929 gespielt, ebenfalls in Wien, da spielte das Artur Schnabel. Heute haben wir noch nicht die Kriterien, zu sagen, das ist von Dauer oder nicht. Deshalb sollte jeder von uns die eigene Intelligenz und Beobachtungskraft nutzen, um Komponisten zu suchen, die für uns wichtig werden könnten. Mir ist es, das möchte ich klar sagen, viel wichtiger, fünf Stücke von Carter oder von Widmann hintereinander zu dirigieren, als einmal eins von Widmann und dann eines von Herrn X oder Frau Y. Die zeitgenössische Musik ist keine Prestigefrage für den Elfenbeinturm. Man muss sich ernsthaft darauf einlassen.

Barenboims fließende Übergänge

Heute feiert Daniel Barenboim in Berlin seinen siebzigsten Geburtstag. Am vergangenen Wochen-
ende traf ich ihn in Wien, wo er den sechzigsten Jahrestag seines ersten Wiener Konzertauftritts festlich beging - mit den Wiener Philharmonikern und gleich zwei großen Repertoire-Schlachtrössern: Vor der Pause spielt er Chopins erstes Klavierkonzert e-Moll, nach der Pause Tschaikowskys erstes Klavierkonzert b-Moll. Zugabe: Schuberts Impromptu As-Dur D935,2. Barenboim kommt von der Probe, er humpelt. Er könne, sagt er, nicht so gut so lange sitzen, seit er neulich während einer „Siegfried“-Aufführung gestürzt sei, aber „alles halb so schlimm“.

Zum Interview legt er sich lang auf die Couch. Ich sitze am Fußende, er zündet sich eine Zigarre an. Fast käme ich mir jetzt vor wie Doktor Freud, wenn nur nicht alle nas-lang das Telefon oder die Türklingel bimmeln würde.Die Gattin ruft an, der Zimmerkellner schaut vorbei, ein Assistent bringt Medikamente, der Chiropraktiker wird abgesagt. Barenboim spricht Italienisch, Spanisch, Englisch, Deutsch, in fließenden Übergängen.

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