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Daniel Barenboim im Gespräch : Und die Welt versinkt

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Es ist ein großes Problem, dass die Musikhochschulen weltweit heute nur noch stark spezialisiertes Wissen vermitteln. Ein anderes Problem ist der mangelhafte Musikunterricht in den Schulen. Früher war die Musik ein Teil der Erziehung des Menschen. Das ist sie heute nicht mehr. Und wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben: Ab etwa 2050 wird die Musik in unserer Gesellschaft kaum noch eine Rolle spielen. Die Akademie könnte helfen, diese Entwicklung aufzuhalten.

Ich bin, zum Beispiel, gut befreundet mit dem Neurowissenschaftler António Damásio, er erforscht das Gehirn und befasst sich mit allem, was mit der Entstehung der Affekte zu tun hat. Diese gezielte Forschung ist nötig, um zu klären, was zwischen dem Ohr, also dem physischen Hören, und dem Gehirn passiert, was uns glücklich macht, was uns leiden macht. Meine Akademie soll so flexibel sein, dass sie sich mit all diesen Themen beschäftigen kann. So etwas gab es bisher noch nie.

Die Akademie ist nicht nur Ausbildungsstätte, sondern auch Forschungsinstitut? Ist das als Modell gedacht?

Nein, so hoch würde ich nicht greifen. Wir fangen erst mal klein an. Wir sind noch am „Brainstormen“. Die musikalische Erziehung muss radikal geändert werden. Musik kann ja für den einen etwas Mathematisches haben, für den anderen etwas Philosophisches oder wieder für einen anderen etwas Sinnliches - letzten Endes ist das egal. Immer und auf jeden Fall hat Musik etwas mit der menschlichen Seele zu tun. Leider aber bleibt Musik für viele Menschen, auch wenn sie leidenschaftlich involviert sind, außerhalb ihres Lebens, ein Ornament.

Ist Musik eine Droge?

Nein. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Denken Sie sich jemanden, der einen schlechten Tag hatte, Streit mit seiner Frau, im Büro Ärger mit der Sekretärin; er muss zum Steuerberater, zum Zahnarzt und kommt müde nach Hause, liegt, wie ich jetzt hier liege, vielleicht mit einem doppelten Whiskey in der Hand, und hört eine CD von einem Chopin-Nocturne, am liebsten natürlich von mir gespielt (lacht). Dann vergisst er alles, die Frau, den Steuerberater, den Zahnarzt, alles. Und die Welt versinkt. Das ist die eine Seite der Medaille. Aber ich kann von mir sagen: Ich kenne die andere Seite. Ich habe von der Musik für das Leben gelernt, habe gelernt, durch Musik zu denken. Das ist die andere Seite der Medaille, die möchte ich jetzt erforschen und entwickeln. Dafür ist die „Barenboim-Said Akademie“ da.

Sie haben in Ihrem Musikerleben schon fast alles dirigiert und gespielt. Gibt es etwas, das Sie noch nie gemacht haben - und auch nicht machen wollen?

Klar! Es gibt vieles, was ich machen möchte, und vieles, was ich noch nicht gemacht habe, was ich nicht machen möchte. Ich habe zum Beispiel sehr wenig Sibelius und Schostakowitsch gemacht. Ich habe noch nie den „Pelléas“ von Debussy dirigiert. Es stand einfach nicht auf meiner Prioritätenliste.

Gibt es etwas, was Sie sich unbedingt noch erobern wollen?

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