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Daniel Barenboim im Gespräch : Und die Welt versinkt

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Sie haben gerade in Berlin die „Barenboim-Said Akademie“ gegründet. Frank Gehry baut eigens dafür einen neuen Konzertsaal. Noch ist da nicht mal eine richtige Baustelle, aber 2015 soll es schon losgehen. Warum noch eine Orchesterakademie in Berlin?

Diese Akademie wird ein Ort sein für junge Musiker aus allen Ländern des Nahen Ostens, so wie das „Divan“-Orchester auch für alle Israelis und Araber aus allen arabischen Ländern da ist. Das war damals die Idee, von Edward Said und von mir. Aus dem Orchester ist inzwischen aber ein professionelles Superorchester geworden, und wir finden keinen guten Nachwuchs mehr, wenn wir Probespiele machen in Tel Aviv oder in Damaskus. Wir haben vielleicht zwei oder drei neue Musiker gefunden in den letzten drei Jahren. Das reicht nicht, um das Orchester zu erneuern. Tatsächlich war unsere Idee nicht die, dass wir ein neues Orchester in die Welt setzen wollten - damals. Heute bin ich nicht bereit, das Niveau des Orchesters für diese Idee zu opfern.

Was unterscheidet Ihre „Divan“-Akademie von anderen Orchesterakademien?

Es gibt einen beträchtlichen nichtmusikalischen Teil im Curriculum. Die Akademisten lernen bei einem Orchestermitglied vom „Divan“ oder aus der Staatskapelle ihr Instrument und das Repertoire. Darüber hinaus sollen sie lernen, zu denken. Zweimal wöchentlich gibt es, zum Beispiel, einen Kurs in Philosophie. Da können sie etwas erfahren über Spinoza und seine Beobachtung des Sonnenuntergangs. Wer ein Mal die Sonne untergehen sieht, der hat eine Information über das Wann und das Wie-lange und das Wie. Aber er weiß nichts, denn er kennt nicht das Warum und Wofür. Erst wenn man länger beobachtet, kann man die Essenz einer Sache verstehen. Erst dann kann man von „Wissen“ sprechen. Später komme ich dann in den Philosophiekurs und erkläre den Akademisten die Verbindung zum Wissen und Denken in der Musik.

Sind nicht alle Musiker denkende Musiker?

Nein. Ich kenne viele Musiker, die auf höchst geniale Weise instinktiv spielen, und zwar sehr gut, ohne dass sie dabei denken müssen.

Nennen Sie mir einen Musiker, der nicht denkt.

Ach was. Das tue ich jetzt nicht!

Es gibt aber doch so etwas wie das haptische Denken! Pianisten denken mit den Fingern, Fußballprofis denken mit den Füßen und so weiter. Es gibt verschiedene Formen des Denkens, da, finde ich, ist so eine neue Denkfabrik für eine kleine Elite eher ein Luxusproblem!

Ich kann doch nicht die ganze Welt erziehen! Es ist auch alles andere als Luxus, wenn man sich weigert, die dumme Politik von Herrn Netanjahu zu unterstützen, so, wie Deutschland es macht, immer noch aus einem historischen Schuldgefühl heraus. Besser wäre es, den Juden zu helfen bei den Problemen, die sie heute mit den Arabern haben. Das will ich versuchen mit dem „Divan“-Projekt. Und ich möchte alles, was ich das Glück hatte zu lernen von meinen Lehrern, von meinen Eltern, weitergeben an die jungen Israelis und Araber. Das „Divan“-Orchester soll immer ein Teil der Gesellschaft sein, für die es spielt.

Welche Rolle spielt da die Akademie?

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