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Comeback Rola El-Halabis : Melodram ohne glückliches Ende

  • -Aktualisiert am

Das Adrenalin steigt: El-Halabi auf dem Weg in den Ring Bild: dpa

Die Profiboxerin El-Halabi inszeniert ihr Comeback 21 Monate nachdem ihr Stiefvater sie niederschoss wie ein Melodram. Am Ende verliert sie gegen eine bessere Gegnerin, der das fast peinlich ist. Das Frauenboxen dürfte kaum profitieren. Es lebt weiter von Geschichten seiner Protagonistinnen.

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          „Ich hör das Magazin, die Kugeln sind auf mich gerichtet.“ Mit dumpfer Stimme singt ein junger Musiker diese Worte ins Scheinwerferlicht, das Mikrofon an seine Unterlippe gepresst. Nur noch wenige Minuten bis zum Kampf. Es soll der Höhepunkt einer epischen Endlosschleife sein, in der über Monate die filmreife Geschichte einer jungen Boxerin erzählt wurde, die in den Ring zurückkehrt, nachdem ihr Stiefvater sie vor 21 Monaten viermal anschoss.

          Die Inszenierung wirkt wie ein Melodram, dessen Ende ein glückliches sein soll, nein, muss. So sehen es zumindest die Zuschauer, die mit ihren immer lauter werdenden „Rola, Rola, Rola“-Rufen darauf drängen. Lange wurden die Ulmer auf diesen Abend eingestimmt. Und das Publikum, mutmaßlich kaum am Frauenboxen interessiert, hat angebissen. Als Rola El-Halabi auf einer Pferdekutsche in die Arena fährt, johlen die Zuschauer.

          Ihr Einlauf-Song, der laut aus den Boxen hämmert, lässt bei vielen den Rest Objektivität weichen: „Millionen Menschen reichten mir die Hand, ich spreizte meine Flügel und entstieg aus der Asche.“ Mehr Pathos geht kaum. Fans superlativischer Sozialromantik kommen voll auf ihre Kosten. Doch schon bald wird dieses Gefühl kollektiver Ungläubigkeit weichen und mehreren mitunter schmeichelhaften Versuchen, das sportlich Nachvollziehbare erklären zu müssen, weil es an diesem Abend einfach nicht ins Programm passt. Die junge Boxerin hatte hoch gepokert. „Lucia, du erklärtest mein Comeback zum Scheitern. Meine Armee mit siebentausend Mann heißt dich willkommen.“ Die Kampfansage im Song an die Italienerin Lucia Morelli ist deutlich.

          Ihre Schläge fliegen über Morelli hinweg

          Nur noch wenige Sekunden. Als die Nationalhymne ertönt, legt El-Halabi ihren rechten Boxhandschuh auf die linke Brust. Sie atmet tief durch. Schweißperlen rinnen ihre Wangen hinab, dabei hat der WM-Kampf noch gar nicht begonnen. Nervös blickt die zweifache Weltmeisterin im Leichtgewicht die Ränge entlang. Auf der Stirnseite der Halle ist die Tribüne nur zur Hälfte gefüllt. Auch auf den Gegengeraden klaffen Lücken mit unbesetzten orange-schwarzen Schalensitzen. 4.200 Karten waren am Vorabend verkauft, mehr als 5.000 Zuschauer dürften es am Ende nicht gewesen sein.

          Es ist die erste Rechnung, die nicht aufgeht. Die zweite, zehn Runden später, wiegt deutlich schwerer - auch wenn es keiner zugeben wird. Der Gong ertönt. Die ersten Treffer setzt die vermeintliche Herausforderin. El-Halabi findet nur zaghaft in den Kampf, „zwei, drei Runden zu spät“, sagt sie hinterher. Ihre Schläge fliegen über die agile Morelli hinweg. Diese macht schnelle Bewegungen, links, rechts, wieder links und duckt sich tief.

          Ein probates Mittel. Findet El-Halabi mit ihrer linken Vorhand das Ziel, fehlt ihr meist die Wucht. Es ist dennoch Frauenboxen auf hohem Niveau - vor allem Morellis Verdienst: Sie beschäftigt ihre Gegnerin, versucht, ihr mit gezielten Schlägen auf den Körper „die Luft zu nehmen“. Es dauert sechs Runden, ehe El-Halabi der Italienerin, die in Offenburg lebt, wirklich gefährlich wird. Morelli verliert nach einer harten Linken ihren Mundschutz. Die Halle tobt.

          Sie lässt sich dennoch feiern

          “Es war unsere Taktik, abzuwarten und dann in den Runden acht bis zehn explosiv nach vorne zu boxen“, sagt Trainer Jürgen Grabosch. Es war die falsche Vorgabe. Eine Runde später muss auch El-Halabi an die Seile, um sich einen neuen Mundschutz geben zu lassen. Die Schläge Morellis sind wuchtiger. Und sie trifft häufiger. Als die Schlusssirene ertönt, lässt sich El-Halabi dennoch feiern. Ein Boxexperte in der ersten Reihe schüttelt da bereits den Kopf. El-Halabi wird von großgewachsenen Bodyguards in langen schwarzen Parkas von Ringecke zu Ringecke geführt. Die Fans jubeln unaufhörlich.

          Die linke Schlaghand geht nach vorn: El-Halabi (links) schlägt viel, trifft aber nur wenig Bilderstrecke

          Sie meinen, das Ergebnis zu kennen, welches so zwangsläufig nicht ist. Der Hallensprecher faltet das Blatt mit dem Urteil auseinander. Er schaut ungläubig in Richtung Ringrichter. Offenbar hat er das, was er da liest, nicht eingeplant: 95:95, 95:96, 93:97. Die Fans brauchen im tosenden Jubel einen Moment, um zu begreifen, da hat Morelli bereits alle drei Gürtel (WBF, Wiba, GBU) umgeschnallt. El-Halabi bleibt gefasst: Das Comeback sei ihr größter Sieg, sagt sie in das Mikrofon und reicht es an Morelli weiter. Die Herausforderin, und das ist das Groteske, entschuldigt sich dafür, dass sie gewonnen hat. Die Tribünen leeren sich schnell. Es ist ein deutliches Zeichen.

          Als das Licht ausgeht, bricht El-Halabi in Tränen aus. Es war ihr Kampf. Ein Kampf ohne Happy End. Auf der Pressekonferenz erzählt sie, dass sie weiter daran arbeiten wolle, „dass Boxen in Süddeutschland populärer wird“. Und dass sie einen Kampf vor solch einem Publikum wieder für möglich halte. Die Kosten seien ab 3.500 Besuchern amortisiert. Doch dass der Kampf nachhaltig wirkt, glaubt selbst ihr Trainer nicht. „Rola“, sagt Grabosch, „soll jetzt zu alter Stärke zurückzufinden. Sie ist vielleicht bei siebzig Prozent.“ Dass von diesem Abend kaum Impulse für das Frauenboxen ausgehen dürften, beweist die Pressekonferenz. Mit drei Gürteln sitzt Morelli teilnahmslos auf ihrem Stuhl. Kaum jemand interessiert sich für sie. Dabei ist sie die Siegerin. Das Frauenboxen ist es nicht. Es wird weiterleben von Geschichten, die ihre Protagonistinnen umgeben. Und jede Geschichte, das zeigt die Vergangenheit, verliert an Zugkraft.

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