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Chinesische Metropole Chongqing : Und der Polizeichef? Sitzt im Knast!

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Welche Gefahr liegt auf Chongqing? Die Stadt begann das Jahr des Drachen vor zwei Wochen festlich, nun droht ihr das Ende der langjährigen Sonderrolle Bild: REUTERS

Worüber ganz China sich erregt: Der oberste Ordnungshüter der Metropole Chongqing ist weggesperrt. Das politische Experiment einer Alternative zur Zentralregierung scheint in Gefahr.

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          Die südwestliche Metropole Chongqing steht zurzeit im Zentrum einer öffentlichen Spekulation über Ideologie, Verschwörung, Politik und Verbrechen, wie sie China schon lange nicht mehr gesehen hat. Der unmittelbare Anlass ist das Melodrama um Wang Lijun, den bisherigen Polizeichef der Stadt, der kurz nach seiner Degradierung einen geheimnisumwitterten Tag im amerikanischen Konsulat von Chengdu verbrachte und dann von Beamten, vermutlich der gefürchteten Parteikommission für Disziplinüberwachung, zu einer, wie es im offiziellen Jargon heißt, „urlaubsähnlichen Behandlung“ in Peking begleitet wurde.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Doch das Thema dahinter ist die Zukunft des „Chongqing-Modells“, mit dem Bo Xilai, der Parteichef der Stadt, in den letzten Jahren etwas installiert hat, das es im chinesischen System eigentlich gar nicht geben dürfte: eine alternative Ideologie, ein System im System, das zwar immer beflissen auf die von Staatspräsident Hu Jintao vorgegebene Theorie des „Wissenschaftlichen Entwicklungskonzepts“ Bezug nimmt, doch zugleich betont, es habe dazu eine eigene „Forschung“ vorzuweisen. Bo Xilai strebt einen Platz im Ständigen Ausschuss des Politbüros an, und der Krimi um seinen früheren Polizeichef ereignet sich nun just in dem Moment, da das Geschacher um die im Herbst wechselnden Ämter in seine heiße Phase eingetreten sein soll. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Machtkampf in China über Verhaftungen und Korruptionsvorwürfe im Umfeld missliebiger Wettbewerber ausgetragen wird.

          „Zuschauerstatistiken sind die Wurzel allen Übels“

          Wollen Pekinger Kreise dem Chongqing-Modell den Todesstoß versetzen? Oder ist die Verhaftung von Polizeichef Wang umgekehrt ein Schachzug des Provinzparteichefs, um seinen eigenen Kopf zu retten? Das Hongkonger Informationszentrum für Menschenrechte und Demokratie ließ verlauten, Bo Xilai habe jetzt seinen Rücktritt angeboten, doch das staatliche Fernsehen zeigte ihn daraufhin demonstrativ bei einer von Parteichef Hu Jintao geleiteten Politbürositzung. Mehr als zwei Millionen Kommentare haben im Internet mittlerweile Ansichten und Gerüchte zu der Affäre beigetragen, und eine der merkwürdigen Unregelmäßigkeiten des Falls ist, dass die Zensurbehörden diesmal unüblich wenig davon löschen.

          Seit zwei Wochen in Gewahrsam: Chongqings Polizeichef Wang Lijun

          Vom Orkan, der rings um die Stadt tobt, ist bei Chongqing-TV nichts zu spüren. Das Hauptabendprogramm beginnt mit einer Dokumentation über die Fortschritte, die die Stadt in den letzten Jahren gemacht hat. Es folgt eine Sendung über „Fünf Chongqing“ (mit den fünf Stichworten Lebensqualität, fließender Verkehr, Umwelt, Sicherheit und Gesundheit). Nach einer Orientierung über „Reform und Öffnung“ in der Stadt folgt das Geschichtsprogramm „Der Glaube erleuchtet die Zukunft“. Sämtliche Fernsehsender in China sind in staatlicher Hand, doch da sie sich selbst über Werbung finanzieren müssen, achten sie darauf, dass ihnen die propagandistische Grundversorgung nicht die Quoten verdirbt, und vor allem die guten Sendezeiten sind überall von Spielshows und Soapoperas besetzt. Nur in Chongqing nicht.

          Vergangenes Jahr erklärte sich Chongqing-TV zum „ersten roten Kanal“ Chinas. Auftakt dazu war eine Kritik am Quotenkriterium. „Zuschauerstatistiken sind die Wurzel allen Übels im Fernsehsektor unseres Landes“, dekretierte der Intendant, und dann wurde plötzlich verfügt, dass die üblichen Unterhaltungsprogramme durch selbstproduzierte Sendungen ersetzt werden, die sich an den Werten einer „fortgeschrittenen Parteikultur“ orientieren. Schließlich kam dann auch noch die folgerichtige Anweisung, sämtliche kommerzielle Werbung aus dem Programm zu tilgen.

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