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Rheingau : Chinesische Invasoren beunruhigen Weinbauern

Setzt heimischen Winzern zu: Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) Bild: dpa

Die Klimaerwärmung nützt dem Winzer, bringt ihm aber auch die bisher unbekannte Kirschessigfliege in den Weinberg. Die Ernte ist bedroht.

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          Der deutsche Weinbau gilt bislang als der Gewinner des Klimawandels. Doch die höheren Temperaturen seit Ende der achtziger Jahre bereiten auch neuen Schädlingen den Weg in die nördlichen Weinbauregionen Europas. In diesen Regionen waren sie bislang unbekannt, dort müssen nun Bekämpfungsstrategien entwickelt werden.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Im Sommer informierte Weinbauberater Berthold Fuchs die Rheingauer Winzer erstmals über das sich abzeichnende Vordringen der Kirschessigfliege bis zum 50. Breitengrad, doch die Resonanz war verhalten. Das hat sich in den vergangenen vier Wochen stark geändert. Ausgelöst durch Medienberichte, Warnungen aus der Branche und verstärkt durch eigene Beobachtungen in den Weinbergen, macht sich laut Fuchs „bei einigen Praktikern jetzt mehr und mehr Panik breit“. Dies gilt umso mehr, als inzwischen zwar schon zwei Insektizide zur Bekämpfung zugelassen wurden, diese in der Praxis aber kaum zum Einsatz kommen werden.

          Fallen zur Flugkontrolle

          Das Weinbauamt und die Hochschule Geisenheim haben zur Jahresmitte begonnen, an verschiedenen Standorten im Rheingau und an der Bergstraße Fallen zur Flugkontrolle der Kirschessigfliege aufzustellen. In den zurückliegenden Wochen sind die Fangzahlen laut Fuchs „rasant in die Höhe gegangen“. Verzeichnet werden wöchentlich bis zu 1000 Tiere und mehr. „Das sind Zahlen, die allen Grund zur Sorge machen“, schreibt Fuchs an die Winzer.

          Allerdings gebe es bislang keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Fangzahlen und Befall der Reben. Auf Versuchsflächen der Hochschule musste ein Frühburgunderweinberg, in dem zuvor 680 Tiere gefangen wurden, wegen massiven Pilzbefalls und Essigproblemen vorzeitig abgeerntet werden. In einem Nachbarweinberg wurden an der Rebsorte Accent hingegen kaum Schäden beobachtet, obwohl dort sogar 1420 Tiere gefangen wurden.

          Die Kirschessigfliege, lateinisch Drosophila suzukii, stammt ursprünglich aus China. Sie wurde laut Fuchs in den Jahren 2008 nach Amerika und 2009 nach Europa eingeschleppt. In Deutschland sei sie erstmals 2011 gesichtet worden. Seither werde eine schnelle Ausbreitung und ein Anstieg der Schäden, beispielsweise in Obstplantagen, beobachtet. Auch in den Weinbergen nehme die Bedrohung zu. Vor zwei Jahren sei der Schädling in damals noch geringer Zahl in fast allen deutschen Weinbaugebieten nachgewiesen worden. In den vergangenen Jahren habe der Befall in den süddeutschen Anbaugebieten „teils erschreckende Ausmaße“ angenommen.

          Sie fliegen vor allem auf rote Früchte

          Die Fliege bevorzugt als Wirtspflanzen vor allem Kirsche, Pflaume, Holunder sowie weitere Beerenfrüchte bis hin zu Aprikose, Birne und Weintraube. Allerdings scheinen die Fliegen bislang vor allem rote Früchte attraktiv zu finden. Damit ist die Gefährdung für den Spätburgunder deutlich höher als für die Hauptrebsorte Riesling.

          Die Fliege setzt sich auf reife und gesunde Früchte, ritzt die Beerenhaut an und legt Hunderte Eier in der Beere ab. Nach nur einem Tag beginnen die Larven zu schlüpfen und das Beerenfleisch zu fressen. Die Entwicklung der Larven dauert zehn Tage. Das Weinbauamt geht daher von einem Generationszyklus von 14 Tagen und in der hiesigen Klimazone von bis zu acht Generationen aus.

          Dabei scheint dieser feuchtwarme Sommer die Ausbreitung besonders zu begünstigen, während heiße und trockene Wetterphasen der Fliege wenig angenehm scheinen. Fuchs empfiehlt den Winzern deshalb Maßnahmen wie zur Vermeidung des Botrytis-Pilzes. Dazu werden beispielsweise Blätter am Rebstock entfernt, um eine gute Belüftung der Trauben sicherzustellen. Abgeschnittene Trauben müssen schnell aus dem Weinberg entfernt und die Begrünung der Weinbergszeilen muss kurz gehalten werden. Der Schutz der Traubenzone mit blauen Netzen gegen Vogelfraß sei eher kontraproduktiv, weil den Fliegen damit ein günstiges Milieu geschaffen werde. Den Nutzen müssten Winzer daher genau abwägen.

          Neuer Befall trotz Chemiekeule?

          Es stehen zwar zwei Insektizide zur Verfügung, doch sie sind nach den Worten von Fuchs problematisch - weil teuer und „in ihren Erfolgsaussichten nicht gerade berauschend“. Die Mittel seien zudem bienengefährlich. Trotz Spritzung könne sich danach ein neuer Befall ergeben und eine Noternte notwendig werden. Die „chemische Keule“ solle daher nicht die erste Wahl sein, um dem chinesischen Einwanderer zu begegnen. Den Winter werde die Fliege ohnehin nicht überleben. Bei Temperaturen unter minus drei Grad breche die Population zusammen.

          Besonders betroffen sind bislang Weinberge mit frühreifen roten Sorten wie Frühburgunder, Regent und Dornfelder. Fuchs rät zur zügigen Ernte, weil jeder Tag zwar das Mostgewicht erhöhe, aber die Probleme verschärfe. Sein Rat: Ein einfacher, aber sauberer Weißherbst sei sicherlich besser als ein vermeintlich hochwertiger Rotwein mit Fehltönen am Gaumen.

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