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Cannabis als Schmerzmittel : Es droht ja kein Kifferparadies

  • -Aktualisiert am

Auch ein Analgetikum: die Hanfpflanze Bild: REUTERS

Na bitte, es geht doch: Cannabis ist zu Therapiezwecken erlaubt. Das richtungsweisende Gerichtsurteil könnte die Gesellschaft von einer verfehlten Drogenpolitik heilen.

          In einem richtungweisenden Urteil hat das Verwaltungsgericht Köln erstmals entschieden, dass drei Schmerzpatienten Cannabis zu therapeutischen Zwecken selbst anbauen dürfen. Zu dieser Entscheidung kam es, weil das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte den Klägern eine entsprechende Genehmigung verweigert hatte, obwohl es in einer internen Stellungnahme zunächst hatte erkennen lassen, dass es dem Antrag der Schmerzpatienten folgen wollte. Hiergegen intervenierte das vorgesetzte Gesundheitsministerium mit der Begründung, dass das Interesse des Patienten „an einer Versorgung und Behandlung mit selbst angebautem Cannabis in seiner Privatwohnung“ gegenüber „dem Schutzinteresse der Bevölkerung“ zurückstehen müsse.

          Mit dieser Auffassung ist das Gesundheitsministerium nunmehr vor Gericht gescheitert. Das Kölner Gericht hat sich bei seiner Entscheidungsfindung nicht von den ideologiebefrachteten Sehweisen der Politik leiten lassen, sondern sich vielmehr davon emanzipiert. Es hat vernunftorientiert gefragt, ob die Antragsteller schmerztherapeutisch alle anderen möglichen Therapien erfolglos durchlaufen haben, so dass sie außer Cannabis keine andere Option hätten, und die jeweilige Wohnsituation so beschaffen sei, dass kein Fremder auf die Pflanzen Zugriff habe. Mit dieser Entscheidung hat das Gericht zunächst den Antragstellern geholfen, indem es ihnen eine geeignete Schmerztherapie verschafft hat. Das ist gut so.

          Auf dem Weg zu einer rationalen Drogenpolitik

          Das Gericht hat aber gleichzeitig auch ein Vernunftsignal an die Politik gesandt. In der herrschenden Drogenpolitik wird nämlich nicht mit Gründen argumentiert, sondern mit Abgründen um sich geworfen. Die Hanfpflanze, die zur Gewinnung von Cannabis dient, wird geradezu dämonisiert und allein auf ihre Verwendung als Rauschmittel reduziert, obwohl sie zu den ältesten Nutz- und Zierpflanzen der Welt gehört und über ein breites Verwendungsspektrum verfügt (Faser-, Heil- und Ölpflanze).

          Viele Menschen wissen nicht, dass Hanf zum Beispiel bei der Herstellung von Papier, Seilen und Segeltuch von erheblicher Bedeutung ist. Sie wissen auch nicht, dass es mittlerweile elf anerkannte medizinische Indikationen für die Anwendung von Cannabis gibt; dazu zählt auch die Schmerztherapie. Gerade bei der medizinischen Verwendung der Hanfpflanze hat die herrschende Drogenpolitik lange auf stur geschaltet. Zu einer Kurskorrektur ihrer rigiden Verweigerungshaltung musste die Politik erst durch zwei Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesverwaltungsgerichts gezwungen werden. Diese bilden die Grundlage für das Urteil der Kölner Richter.

          Deswegen ist die jetzige Entscheidung ein Fortschritt auf dem Weg hin zu einer rationalen Drogenpolitik. Wer heute vom Drogenelend redet, meint in Wahrheit das Elend der Drogenpolitik. Die zurzeit noch geltende Prohibitionspolitik hat versagt. Sie ist kontraproduktiv und für eine Vielzahl der Probleme verantwortlich, die sie angeblich bekämpfen will. Eine Lösung des Drogenproblems ist deswegen nach wie vor nicht in Sicht. Bei der Diskussion um eine „neue Drogenpolitik“ geht es lediglich um die Frage der Schadensminimierung.

          Die Zumutung der Abstinenzforderung

          Während in den vergangenen Jahrzehnten weltweit kaum nennenswerte Veränderungen der herrschenden Prohibitionspolitik erkennbar waren, zeichnet sich in jüngster Zeit ein Wandel ab. So hat Uruguay im vergangenen Dezember als erstes Land überhaupt Marihuana legalisiert. Auch in den Vereinigten Staaten bröckelt die Front der Verbotspolitik gewaltig. Der „Spiegel“ sprach schon von einem „Kifferparadies“. In nahezu der Hälfte aller amerikanischen Bundesstaaten ist das strikte Verbot mehr oder weniger gelockert.

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