https://www.faz.net/-1v0-707ue

Bundespräsident Gauck in Israel : Vergiß nicht! Niemals.

  • -Aktualisiert am

Bundespräsident Gauck legte in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem einen Kranz nieder. Hinter ihm stehen seine Lebensgefährtin Daniela Schadt, der israelische Präsident Schimon Peres und der Leiter der Gedenkstätte, Avner Shalev (v.l.) Bild: dapd

Bundespräsident Gauck weiß gut, dass er Politik nicht zu betreiben hat, sondern zu repräsentieren. Gesten sind es daher, die bisher seinen Israel-Besuch prägen.

          5 Min.

          „Es gibt ein Leben nach der Schoa“, hat Noa Mkayton gesagt. Sie ist Leiterin des Forschungsinstituts von Yad Vashem, und sie hat an diesem ersten und bedeutsamen Tag des Staatsbesuches von Joachim Gauck in Israel dem Bundespräsidenten die Besonderheiten des Museums erläutert. „Nicht wegen der Schoa hat es den Staat Israel gegeben“, sagt sie, „sondern trotz der Schoa.“ Es ist eine ziemlich realistische Führung durch das Museum. Sämtliche Namen der sechs Millionen von den deutschen Nationalsozialisten ermordeten Juden, berichtet Frau Mkayton dem Bundespräsidenten und seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt, sollten hier, in der „Halle der Namen“ dokumentiert werden. Bei vier Millionen Namen sei man gegenwärtig angelangt. Aus der Erinnerungsstätte Yad Vashem sei ein „globales Projekt“ geworden.

          Der Vorsitzende der Gedenkstätte, Avner Shalev, führt Gauck durch das Museum, Frau Mkayton spricht, und die technischen Möglichkeiten des Museums erlauben es, dass die große Gruppe der Begleiter mithören kann, was besprochen wird. Sie stehen vor Bildern und anderen Dokumenten jener Menschen, die Juden in Deutschland und anderen Ländern Europas geholfen und sie auch gerettet haben: Raoul Wallenberg, Oskar Schindler und andere, weniger bekannte. Frau Mkayton drängt zur Eile - Präsident Schimon Peres sei schon auf dem Weg zur „Halle der Namen“.

          Gauck fragt, wo denn die „Geschichte der Helfer“ in Deutschland sei. Die fehle, bestätigt die Gesprächspartnerin - vor zwölf Jahren kam die in München geborene Wissenschaftlerin nach Jerusalem. „Wenn sich die Eltern mit Nazis verglichen haben, kamen sie gut weg“, sagt Gauck - ein „meistens jedenfalls“ schwingt mit. Wenn sie sich aber mit den Helfern verglichen hätten, sagt Gauck, wären sie mit der Frage „Und ich?“ konfrontiert gewesen. Deshalb gebe es die Geschichte der Helfer nicht.

          Eindrucksvoll und bedrückend

          Von neuen Quellen-Editionen wird berichtet, von Briefen der Opfer. Gauck hat sich mit der Materie befasst. Früher hat er in dem „Verein gegen das Vergessen“ gearbeitet, der wiederum den Verantwortlichen in Yad Vashem bekannt ist. Und mit dem Umgang und der Bedeutung von Akten hat Gauck schon früher Erfahrungen gesammelt - mit den Stasi-Akten, die die von ihm geleitete Behörde verwaltet hat. Von einer dreifachen Vernichtung der Juden wird berichtet - von der psychischen und dann von der physischen Ermordung der Juden. Darüber hinaus hätten die Nationalsozialisten den Versuch gemacht, auch die Erinnerung an die Opfer zu vernichten. Dem solle begegnet werden.

          Jerusalem : Gauck: Israel plant derzeit keinen Präventivschlag gegen Iran

          Es ist eine Führung, die die Staatsgäste betroffen macht. Ein Fotoplakat der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. „Da ist mein Vater befreit worden“, sagt Dieter Graumann. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland ist als Gast Teil der Delegation Gaucks. Er zeigt sich erfreut darüber, dass der Bundespräsident nach Ankunft am Montagabend in Tel Aviv als erstes das Grab von Ignatz Bubis, eines seiner Vorgänger, besucht hat. Graumann nennt Bubis seinen Lehrmeister und die Geste Gaucks einen „guten Start“ dieses Besuchs.

          Zum protokollarischen Standard der Besuche von Yad Vashem gehört der „Gang durch das Mahnmal für die ermordeten Kinder“ - der etwa 500.000 jüdischen Kinder. Der Gang ist eindrucksvoll und bedrückend. Am Ende - im Freien - hat der Gast ein paar Worte in das „Gästebuch“ zu schreiben. Freundlich und bewegend sind die meisten darin - und kurz. Gauck schreibt. Er schreibt sich selbst ab, und es wird erzählt, erste Entwürfe des Präsidialamtes habe er verworfen.

          Eine Seite lang ist handschriftlich der Text, und als Gauck ihn - pflichtgemäß - vorträgt, kommt der Prediger in ihm zum Vorschein. „Wenn du hier gewesen bist, sollst du wiederkommen. Zuerst nur: die Flut der Gefühle, erschrecken vor dem Ausmaß des Bösen, mitleiden, mitfühlen, trauern - wegen eines einzigen Kinderschicksals oder wegen der Millionen unschuldigen Opfer. Und wiederkommen sollst du, weil auch du wissen kannst: Namen der Opfer - wie viele kennst du? Namen der Täter - deutsche zumeist - Verursacher, Vollstrecker, auch Namen von Schreckensorten wirst du dir einprägen und wirst erschrecken vor dem brutalen Interesse von Herrenmenschen. So wirst du dann hier stehen und dein Gefühl, dein Verstand und dein Gewissen werden dir sagen: Vergiß nicht! Niemals. Und steh zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften.“

          Gauck beherrscht die Sprache

          Gauck war, erzählt er seinen Gesprächspartnern, vor acht Jahren schon einmal in Israel gewesen - als „Bürger“, wie er zu ergänzen pflegt. Nun aber komme er als Bundespräsident, als Vertreter des Staates. Für Gauck, den Pfarrer, den Prediger, selbst den Behördenleiter, der zum Schriftsteller wurde, ist es eine neue Situation. Er weiß, dass er sich an die außenpolitischen Vorgaben der Bundesregierung und - wie er ebenfalls zu sagen pflegt - „seiner Bundeskanzlerin“ zu halten hat. Das wäre - auch aus seiner Sicht - sozusagen „noch schöner“, wenn ausgerechnet er, der von allen Bundespräsidenten aus dem politikfernsten Teil des öffentlichen Lebens stammt, einen Verfassungskonflikt vom Zaun bräche.

          Doch übernimmt Gauck ausdrücklich nicht den Terminus von Frau Merkel, die Sicherheit Israels sei „deutsche Staatsräson“. Er spricht vom „Eintreten für die Sicherheit“ Israels. Mit Blick auf die Kriege im Nahen Osten äußert er, die Vergangenheit zeige, wie schwer der andere Begriff umzusetzen sei. Als Bundespräsident wolle er nicht in „Szenarien“ denken. Mit dem Schriftsteller David Grossman, teilt er später im Garten des King David Hotels mit, habe er darüber gesprochen. „Bei unserer Geschichte sollte Deutschland das allerletzte Land sein, das Israel seine Solidarität aufkündigt.“ Und sodann - mit Blick auf die israelische Siedlungspolitik: „Freundschaft ist Freundschaft. Aber nicht totale Übereinstimmung.“

          Gauck weiß auch, dass er Politik nicht zu betreiben, sondern zu repräsentieren hat. Gesten sind es also, die seinen Israel-Besuch prägen könnten. Das ist seine Linie. Gauck beherrscht die Sprache: „Dies ist ein ergreifender Moment für mich. Sieben Jahrzehnte nach dem am jüdischen Volk begangenen Menschheitsverbrechen der Schoa komme ich als höchster Vertreter der Bundesrepublik Deutschland zu Ihnen“, sagt er frühmorgens, als ihn Schimon Peres am Sitz des israelischen Staatspräsidenten an der Hanassi Street in Jerusalem empfängt. Spät am Abend dann sollte Gauck mit persönlichem Impetus ergänzen. „Die Trauer um die von Nazideutschland ermordeten Juden hat alles durchdrungen. Doch zugleich, und mit Ihnen an meiner Seite, Herr Präsident, spüre ich, wie unermesslich großzügig das Geschenk des Vertrauens ist, das Deutschland erhalten hat“, sagt er den Gästen, die Peres eingeladen hat.

          „Günter Grass hat seine persönliche Meinung geäußert“

          Die Nationalhymnen am Morgen desselben Tages sind wohl geübt worden, im Garten gibt es Kaffee für die Soldaten und Soldatinnen, Tische sind schon präpariert für den Staatsempfang am Abend. „Das Eintreten für die Sicherheit und das Existenzrecht Israels ist für deutsche Politik bestimmend; Israel soll in Frieden und in gesicherten Grenzen leben“, sagt Gauck. „Auf Dauer, davon bin ich überzeugt, wird dies nur mit einer durch beide Konfliktparteien direkt verhandelten Zwei-Staaten-Lösung möglich sein.“ Er verstehe auch israelische Bedenken, ob sich die Rebellionen in arabischen Ländern behaupten könnten - und auch welche Richtung sie nähmen. „Und sie müssen vor allem mit einer verantwortlichen Außenpolitik einhergehen, gerade gegenüber Israel.“

          Dass Günter Grass mit seinem Politgedicht über Israel und seine Politik nicht seiner Meinung entspreche, hatte Gauck die daran interessierte israelische Öffentlichkeit über ein Zeitungsgespräch (mit „Haaretz“) wissen lassen. „Günter Grass hat seine persönliche Meinung geäußert. Das darf er. Ich stimme ihm ausdrücklich nicht zu, und Günter Grass’ Haltung entspricht auch nicht der deutschen Politik gegenüber Israel.“

          Topmeldungen

          Angela Merkel auf ihrem wohl letzten EU-Gipfel

          EU-Streit mit Polen : Keine Lösung, aber auch kein Eklat

          Angela Merkel hat in ihren 16 Jahren als Kanzlerin etliche Konflikte auf EU-Gipfeln erlebt. Bei ihrem wohl letzten Auftritt auf europäischem Parkett bringen ihre Vermittlungsversuche im Konflikt mit Polen keine konkreten Fortschritte.
          Atomkraft: Zu Unrecht undiskutabel?

          Energiewende unter der Ampel : Die Atom-Diskussion wagen

          Die Energiewende ist kein einfaches Unterfangen. Die Ampel möchte vermehrt auf erneuerbare Energien setzen, aus Gründen des Klimaschutzes. Eine andere Energiequelle fällt aus der Diskussion.