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Bund kritisiert Wada : Howmans Interview „unerträglich“

Parlamentarischer Staatssekretär Bergner: „Zweifelhafte Willensbildung“ Bild: dapd

Die flatterhafte Position der Welt-Anti-Doping-Agentur in der Causa Olympiastützpunkt Erfurt sorgt für Ärger bei der Bundesregierung. Der Parlamentarische Staatssekretär Bergner wirft Wada-Generaldirektor Howman Versagen vor.

          Die Bundesregierung ist verärgert über die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Deren Generaldirektor David Howman war in der vergangenen Woche aus Montreal eingeflogen, hatte in Frankfurt die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) Deutschlands heftig kritisiert und das Land wieder verlassen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Eine Situation, die ich nur als Versagen beschreiben kann“, sagt der Parlamentarische Staatssekretär Christoph Bergner im Gespräch mit dieser Zeitung: „Wir hätten erwartet, dass sein erster Ansprechpartner die Nada ist, zumal sie gezielte Fragen gestellt hat.“

          Stattdessen über die Medien an einer, wie Bergner findet, „zweifelhaften Willensbildung“ beteiligt zu werden, nennt er irritierend. „Wir werden jetzt in der Europäischen Union und im Europarat ein bisschen kritischer, auch im Sinne einer Effizienzerwartung, auf die Arbeitsweise der Wada blicken müssen“, kündigt er an. Die Bundesregierung trägt zum Etat der Wada von rund 20 Millionen knapp 590.000 Euro bei.

          Seit bekanntgeworden ist, dass ein Arzt am Olympiastützpunkt Erfurt gut dreißig Athleten mit einer Methode behandelte, für die er Blut abnahm, mit UV-Licht bestrahlte und zurück injizierte, bemühe sich die Nada um Aufklärung darüber, ob dieses Verfahren bereits vor der Konkretisierung des Wada-Kodex am 1. Januar 2011 als Doping zu betrachten sei.

          Howman nahm im Interview mit der ARD die zuvor mehrmals veränderte Einschätzung seines Hauses zurück, dass das Verfahren vor dem Stichtag - und damit in der Mehrzahl der Erfurter Fälle - straffrei gewesen sei. Die Auskunft aus Montreal sei falsch gewesen, weil die Nada nicht umfassend informiert und falsch gefragt habe, behauptete Howman. Das Interview wurde im Internet veröffentlicht.

          Nach der Nada widersprach nun Bergner dem Kritiker Howman. „Die Nada hat die Wada mehrfach und umfassend über die in Erfurt praktizierte Methode informiert sowie die Frage nach deren Verbot gestellt. Der Brief der Wada, in dem es heißt, was vor dem 1. Januar 2011 war, könne nicht als Verstoß betrachtet werden, leuchtet mir durchaus ein“, sagt er: „Es ist unerträglich, dass dieses Votum nun allein durch Interviews des Generaldirektors in Frage gestellt wird.“

          „Offenkundiger Fehler der Wada“

          Er spricht der Nada sein Vertrauen aus und sagt: „Es wäre bedauerlich, wenn ein so offenkundiger Fehler der Wada zu einem Vertrauensverlust der Nada führen würde.“ Ohne entsprechende Regel sei eine Bestrafung nicht möglich.

          Die Führung der Wada durch den Neuseeländer John Fahey erscheint Bergner schwach. „Nach meinem ganz persönlichen Eindruck ist Howman mehr als unter dem früheren Präsidenten Dick Pound derjenige, der die entscheidenden Weichen stellt“, sagt er.

          Deutschland und seine europäischen Partner hatten die Wahl Faheys 2007 nicht verhindern können, weil ihr französischer Kandidat Lamour vor der Wahl, aber nach der Nominierungsfrist zurückzog.

          Freitag: Howmans Gebahren verursacht „Unbehagen“

          Auch Parlamentarier sind empört. „Das ist ein höchst eigenwilliges Verfahren“, sagt der sportpolitische Sprecher der Union, Klaus Riegert. „Mit ihrem Hin und Her beschädigt die Wada die Doping-Bekämpfung, statt sie voranzutreiben.“

          Sie beobachte das Gebaren von Howman, nicht auch das persönliche Gespräch mit dem Vorstand der Nada zu suchen, mit Unbehagen, erklärte auch die Vorsitzende des Sportausschusses, Dagmar Freitag (SPD). Für sie sei die Causa Erfurt jedenfalls noch nicht beendet.

          Die Abgeordneten der Regierungsfraktion strichen das Thema Wada von der Tagesordnung des Sportausschusses an diesem Mittwoch. In zwei Wochen ist die Nada-Vorsitzende Andrea Gotzmann eingeladen.

          Fall Steigmiller noch anhängig

          Den Verzicht auf eine Sperre für die im Fall Erfurt belastete Eisschnellläuferin Judith Hesse begründen Nada und Rechtsanwälte der Gegenseite in einem „Schiedsspruch mit vereinbartem Wortlaut“ auch mit dem Verhalten des Arztes. Dieser habe der Sportlerin mehrmals versichert, dass die Methode mit dem Anti-Doping-Kodex vereinbar sei. Zudem habe sie sich der Behandlung nur einmal unterzogen, noch dazu auf Empfehlung ihres Verbandes.

          In dem laut Schiedsgericht „zwischen den Parteien . . . vereinbarten Vergleich“ heißt es, es erscheine sachfremd, von der Athletin zu verlangen, „trotz der eindeutigen Aussage eines langjährig tätigen, anerkannten Olympiastützpunktarztes unmittelbar vor Durchführung einer Behandlung aus dem Behandlungszimmer heraus weitere Erkundigungen einzuholen oder . . . auf die Behandlung zu verzichten“.

          Der Fall des Radrennfahrers Jakob Steigmiller, der sich ebenfalls nach dem Stichtag der inkriminierten Behandlung unterzog, allerdings angeblich sechs Mal, ist noch anhängig; gegen den Arzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

          Für die Beteiligten ist dieser Vergleich vorteilhaft; die Sportlerin wird nicht gesperrt, die Nada hat ein erstes Attest, dass die Behandlung eine verbotene Methode im Sinne der Wada-Verbotsliste darstelle.

          „Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass es an einem unserer Olympiastützpunkte einen Arzt gibt, der Blut mit UV bestrahlt und wieder injiziert“, sagte Bergner und behauptete: „Bedauerlicherweise ist das in den Verbotslisten vor 2011 nicht zweifelsfrei erfasst.“

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