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„Brokeback Mountain“ als Oper : Falsch gelebt, umsonst gelebt

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Im amerikanischen Westen wird ihre Liebe nicht geduldet: Jack (Tom Randle, links) und Ennis (Daniel Okoulitch) in der Oper „Brokeback Mountain Bild: Javier del Real / Teatro Real

Triumph für Gerard Mortier: Die Oper „Brokeback Mountain“ von Charles Wuorinen, uraufgeführt am Teatro Real, kommt den Figuren näher als der Film von Ang Lee - und wird darüber selbst ganz großes Kino.

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          Dienstag war ein Feiertag für Gerard Mortier. Wieder einmal, wohl auch wider Wunsch, wider Erwarten seiner derzeitigen Brötchengeber, zeigte dieser große Kunstermöglicher seine kräftige Pranke. Mortier war es gewesen, der vor fünf Jahren die beiden Pulitzerpreisträger Annie Proulx (Dichterin) und Charles Wuorinen (Komponist) in New York zusammengebracht hatte.

          Eine neue Oper sollte entstehen, „Brokeback Mountain“, nach der Kurzgeschichte von Proulx, die auch dem oscarprämierten Film von Ang Lee zugrunde liegt. Realisiert werden sollte das Projekt an der New York City Opera.

          Als man ihm dort den Geldhahn zudrehte, nahm Mortier „Brokeback Mountain“ mit auf seine nächste Intendanten-Baustelle, an das Teatro Real in Madrid. Dort kündigte ihn die Comisión Ejecutiva vor fünf Monaten, wie berichtet, auf allerunfeinste Weise, Mortiers Erkrankung als probate Gelegenheit nutzend, diesen Mann mit seinen innovativen Ideen rasch wieder loszuwerden.

          Zwei Stunden, keine Pause, Jubelstürme

          Aber so rasch lässt sich das nicht machen. Vorgestern fand in Madrid, nach einer Pressekonferenz mit Proulx, Wuorinen und Mortier vor Dutzenden von Journalisten aus aller Welt, die Uraufführung der Oper „Brokeback Mountain“ statt. Gut zwei Stunden, keine Pause. Jubelstürme. Kein Buhruf war zu hören.

          Allein dies ist schon ein Triumph: dass es diesmal keinen inszenierten Anti-Mortier-Skandal gab; dass niemand aus den Reihen der konservativen Upperclass, die Puccini liebt, neue Musik verabscheut und Mortiers Entlassung betrieben hatte, protestierend oder gar türenknallend den Saal verließ. Nicht einmal dann, als Ennis und Jack, die homosexuellen Helden, einander halbnackt in die Arme fallen und sich küssen - untermalt von einem pathostrunken aufwallenden Bläsercrescendo.

          Wunderbar minimalistische Szene, fabelhafte Lichtregie: „Brokeback Mountain“ in Madrid

          Im Film gibt es überhaupt nur zwei handfeste Sexszenen zwischen dem jungen Rancher aus Wyoming und dem Rodeoreiter aus Texas. In der Oper sind es sehr viele mehr. Aber zugleich ist hier das Mehr auch ein Weniger. Der emotionalen Wucht dieser verzweifelten, verbotenen Liebe haftet ja etwas prinzipiell Unsagbares, Nichtdarstellbares an, das sich, je öfter man es anspricht und auch noch musikmalerisch verdoppelt, rasend schnell abnutzt.

          Eine großartige Tragödie von schon klassischem Format

          Verbotene Liebe ist heutzutage in der westlichen Welt längst der Stoff für flache Fernsehvorabendserien geworden. Auch gibt es schon etliche Opern, in der Männer Männer lieben und Frauen Frauen. Für die Barockoper war der Geschlechterrollentausch einst geradezu stilbildend. Aber all das kann nichts ändern an der Fallhöhe dieser Tragödie aus dem amerikanischen Westen, so wie Annie Proulx sie einst erfand und niederschrieb, in der ihr eigenen lakonischen Verdichtung. Es ist eine großartige Tragödie. So konkret und verallgemeinerbar, so klassisch und ewig gültig wie die von Tristan und Isolde, Romeo und Julia, Abaelard und Heloïse.

          Das Tragische ist ja nicht, dass sich Ennis und Jack beim Schafehüten auf dem Brokeback Mountain ineinander verlieben. Auch nicht, dass sie, wie die Königskinder, nie wirklich zusammenkommen. Tragisch ist, dass eine homophobe Gesellschaft, wie die der sechziger bis achtziger Jahre im Westen der Vereinigten Staaten, Menschen zwingen konnte, sich selbst zu verbiegen und zu zerstören.

          Ennis, der traumatisierte Neinsager, verbiegt sich stärker als Jack. Er heiratet, wird Vater, flieht vor sich selbst. Dann verliert er nach und nach alles und begreift das erst, als es zu spät ist. Auch Jack, der Jasager, heiratet und vermehrt sich. Aber er lebt promisk und stirbt einen gewaltsamen Tod mit neununddreißig, ohne seinem Traum näher gekommen zu sein. Falsch gelebt, umsonst gelebt: Darum geht es. Insofern wirkt „Brokeback Mountain“ wie ein antiker Mythos, der jeden etwas angeht. Und nicht nur wegen der Sprachgewalt der Proulx ist diese Story so stark.

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