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Brasilien nach dem Halbfinale : Ein Land in Schockstarre

Trauer und Fassungslosigkeit mischten sich in Belo Horizonte Bild: AFP

In nur sechs Minuten ist der brasilianische Traum vom Weltruhm zerplatzt. Schuld war die Überhöhung des Fußballs und die Illusion, dass er dem Land nach dem Ende von Wirtschaftsboom und Weltmachtphantasien zu neuer Größe verhelfen würde.

          Die Wirkung, die das Spiel namens Fußball auf das Denken und Empfinden von Menschen haben kann, und die Macht des Moments, in dem sich alles entscheidet, hat der Trainer Rafael Benítez einmal so geschildert: „Wie in diesem Moment die Welt in zwei Teile bricht, in Freud und Leid - das gibt es nur im Fußball. In den Sekunden zuvor merkst du, dass du lebst.“ Er tat das im Rückblick auf eines der größten Finalspiele der Geschichte, in dem er mit dem FC Liverpool 2005 die Champions League gegen AC Mailand nach einem 0:3-Rückstand gewonnen hatte. „Ich denke oft an den letzten Elfmeter, Andrij Schewtschenko läuft an, und mein Geist öffnet sich für alles, was möglich ist. Mehr kann ein Mensch nicht empfinden.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Manchmal kann solch ein Moment sich zu einer Minute dehnen, oder sogar, an ganz besonderen Tagen wie am Dienstag in Belo Horizonte, zu sechs Minuten. Danach war die Welt der Brasilianer und der Deutschen in zwei Teile zerbrochen. Magische Minuten waren es für die deutsche Mannschaft, die mit vier Toren zwischen der 23. und 29. Minute einen Rausch am Ball erlebte. Dabei öffnete sich ihr Geist nicht nur für das eigene Glück, auch für das Unglück, das man den anderen antat. So etwas wünsche man niemandem, sagte Verteidiger Mats Hummels, der das versteinerte Entsetzen der Gegenspieler und der Zuschauer miterlebte. „Diesen Moment, wenn die Träume der Spieler und der Fans zerplatzen.“

          Für die Brasilianer war es ein Absturz von einer solchen Heftigkeit und Schnelligkeit, dass er viele im Stadion, nicht nur Fans, auch Fußballer, emotional überforderte. Man sah fassungslos weinende Menschen, erstarrte Gesichter, fliehende Zuschauer. Die fröhlichen Gesänge der deutschen Fans, die „Oh, wie ist das schön“ und andere Siegeslieder sangen, waren minutenlang das einzige, was zu hören war im großen, stummen Fußballtheater.

          Galgenhumor und Beschimpfungen

          Die Stimmung der Masse, voll froher Erwartung bei Anpfiff, schwankte bald zwischen Gesängen voller Galgenhumor, wütenden Beschimpfungen einzelner Spieler wie Mittelstürmer Fred und der Staatspräsidentin Dilma Rousseff, die sich am 5. Oktober mit der Last dieser Niederlage zur Wiederwahl stellt. Ihr Vorgänger Lula hatte im Ehrgeiz, einer politisch und wirtschaftlich aufstrebenden Nation vorzustehen, nach dem Zuschlag für die WM statt der vorgeschriebenen acht Stadien gleich zwölf bauen lassen, was Milliardenkosten verursachte und nach dem Turnier einige überflüssige Stadien hinterlassen wird, wie in Manaus oder Natal, wo kein Klub vorhanden ist, sie in Zukunft zu füllen. Oder gar in Brasília, wo das mit 663 Millionen Euro zweitteuerste Stadion der Welt nach der Londoner Wembley Arena entstand.

          Land und Leute scheinen nach der Niederlage stillzustehen Bilderstrecke

          Beim „Estadio Mineirão“ in Belo Horizonte verhält es sich anders, dort spielt, wenn nicht WM ist, eines der besten Teams des Landes. Doch die Arena wird fortan kein Ort unbeschwerter Freude an Leibesübungen mehr sein, vielmehr der Ort der größten Schmach der Geschichte des brasilianischen Fußballs, die mit ihrem Namen verbunden bleiben wird. Schon in der langen Stunde, die nach den schockierenden sechs Minuten bis zum Schlusspfiff verging, war das zu spüren.

          Das vorherrschende atmosphärische Element war das einer inneren Lähmung, eines urplötzlichen Unglaubens dort, wo wie in keinem anderen Land immer der Glaube an das Rettende des Fußballs gelebt hatte. Doch nach dem Versiegen des wirtschaftlichen Aufschwungs und der weltpolitischen Ambitionen hat nun nicht mal die WM, nicht mal der Fußball den Brasilianern noch das Gefühl von Größe geben können. Gerade im Land des „jogo bonito“, des schönen Spiels, war der Fußball immer nur dann bezaubernd und erfolgreich, wenn er die Lebensfreude von Straßenjungen auf den Rasen transportierte, nicht die Ambitionen von Politikern.

          Der Fußball vollbringt keine Wunder

          Am Ende war es ein Albtraum, vielleicht noch größer als der von 1950, bei der ersten WM in Brasilien. Damals kostete die späte Niederlage gegen Uruguay im Maracanã-Stadion von Rio den sicher geglaubten Titel bei der ersten Heim-WM der Brasilianer, ein kollektives Schock-Erlebnis, das unter dem Schreckensnamen „Maracanazo“ ins nationale Gedächtnis einging. Belo Horizonte, das sich noch am Morgen davor laut der Titelseite der Lokalzeitung für diesen Tag als „Hauptstadt der Welt“ gefühlt hatte, blüht nun Ähnliches.

          Spätestens am Dienstag, gegen 18.30 Uhr Ortszeit, war jedem klar geworden, dass diese WM Brasilien nicht mehr mit sich ins Reine bringen konnte. Auch im immer noch größten Land des Fußballs vollbringt der Fußball keine Wunder mehr. Genau diesen Irrglauben aber hatten Team und Trainer gepredigt, indem sie vor dem Spiel die „Seele“ von Neymar beschworen hatten, dem verletzten Star, von dem Trainer Luiz Felipe Scolari sagte: „Er hat uns verlassen, aber vieles von sich bei uns gelassen“. Sie hielten sein gelbes Trikot mit der „10“ wie eine Reliquie dem Volk entgegen, als wäre er ein toter Heiliger und nicht ein höchst lebendiger Medien- und Marketing-Star. Den Bankrott der „Seleção“, die unter dem Druck der Erwartungen, ständig für „ganz Brasilien“ zu spielen, wie Trainer Luiz Felipe Scolari immer wieder sagte, und unter dem Druck der übertriebenen, tränenreichen Emotionalisierung ihres Spiels und ihrer Hymne einknickte - das erlebte Neymar lieber unsichtbar in São Paulo am Fernseher als im Stadion in Belo Horizonte.

          Brasilien ist ein Land, in dem der Fußball allgegenwärtig ist, auf den Straßen, an den Stränden, in den Wohnungen und Lokalen. Ein Land, in dem es aber auch immer noch Menschen gibt, die noch nie einen Fußball gesehen haben. Es sind wohl nur ein paar hundert, hinten in den letzten Winkeln des Amazonas-Urwaldes, wo immer noch einige Stämme von Ureinwohnern ohne Kontakt zur Außenwelt leben, ohne Kontakt zur Fußballwelt. Es gibt Luftbilder von ihnen, wie sie die seltsamen fliegenden Dinger über ihnen mit Speeren in Schach zu halten versuchen.

          Es leben in diesem Land aber auch andere Menschen, die vom Fußball ausgeschlossen sind, viele Millionen, und das, obwohl auch sie fußballverrückt sind. Sie konnten sich kein Ticket, keinen Fernseher, nicht mal ein Radio leisten, um an der WM wenigstens aus der Ferne teilzunehmen. Wer während der Spiele des brasilianischen Teams durch abgelegene Teile der Städte kam, konnte sie sehen. Sie kamen aus ihren Behausungen, um wenigstens auf der Straße mitzubekommen, wenn Brasilien ein Tor schoss. Dann schrien die Menschen in den Häusern mit Stromanschluss. Die Autos hupten, Knallkörper wurden gezündet.

          Auf den Straßen blieb es ruhig

          Am Dienstag knallte nichts. Und das war zunächst eine positive Meldung. Auf den Straßen blieb es weitgehend ruhig, anders als man es nach den sozialen Unruhen vor einem Jahr beim Confederations Cup befürchtet hatte, den massiven Demonstrationen gegen die Milliardenverschwendung durch die WM in einem Land, das statt neuer Stadien neue Krankenhäuser und Schulen gebraucht hätte. Vor allem hatte man ihr Wiederaufflammen befürchtet für den Fall, dass Brasilien ausscheidet. Doch das Land blieb vorerst ruhig. Vielleicht lag es an der beispiellosen Art dieses Ausscheidens, es hatte nichts Aufrüttelndes, sondern etwas Paralysierendes. Es erzeugte eher Scham als Zorn. Es brachte fürs erste nur Schockstarre hervor, noch keine aufgebrachten Wutbürger.

          Aber das kann sich bald ändern, in der Enttäuschung über eine erkaltete Liebe. Denn der Ball und Brasilien, es war eine Liebesbeziehung. Auch anderswo funktioniert dieser Zauber einer Fußball-WM, der ganze Nationen in Bann schlägt, aber nie so wie hier - wo ein rollender Ball immer auch eine Erinnerung an das Gefühl von Kindheit auslöst, an ein Leben als Spiel. Deshalb gibt es keinen anderen Gegenstand, für den so viele Menschen so viele Gefühle zeigen, wie für dieses plumpe Ding: den Ball. Gerade in Brasilien, wo man diesem Ding die meisten und schönsten Namen gegeben hat, angeblich über dreißig - zum Beispiel „Baby“ oder „Margaret“ oder „gorduchinha“, die kleine Dicke. Immer weiblich, immer zärtlich.

          Den Reiz des Fußballspiels macht ja die Unfähigkeit aus, den Ball zu kontrollieren, zu disziplinieren - weil die Füße im Gegensatz zu den Händen nichts festhalten können. Fußballer, auch die besten, wissen (im Gegensatz zu den Politikern), dass der Ball nie ganz in ihrer Macht steht, dass er unberechenbar bleibt. Deshalb sah der Brasilianer im Fußball immer auch das Weibliche. Ihn zu behandeln wie eine umworbene Frau, ihn streicheln, gut aussehen lassen - das ist der Fußball, den Brasilien der Welt schenkte.

          Die „Selecao“ 2014 aber, ungeliebt vom Volk bis auf den verherrlichten Neymar, den letzten Ballstreichler, hatte dieses Gefühl für den Ball von Beginn an nicht. Und so ist die Romanze, die begann, als der schottische Einwanderer Charles Miller 1894 in Santos vom Schiff stieg und zwei Lederbälle mitbrachte, hundertzwanzig Jahre später auf ihrem Tiefpunkt angelangt. Nach André Schürrles schönem Tor zum 0:7 wechselten die Zuschauer die Seiten und applaudierten den Deutschen - huldigten der Fußballkunst, die ihnen Brasilien nicht mehr bieten konnte.

          „Wir spielen für unser Land“, hatte Scolari behauptet, der immer auch wie ein Politiker sprach, „für alles, wofür wir leben, wofür wir träumen.“ Ein Irrtum. Fußballer spielen da am besten, wo sie zuerst einmal für sich selbst spielen und, weil es für jeden einzelnen so am besten ist, für eine Interessensgemeinschaft namens Team. Eine Jagdgemeinschaft urzeitlicher Prägung, die heute wie ein modernes Unternehmen geführt wird - und manchmal die Welt ganzer Nationen des 21. Jahrhunderts in Freud oder Leid aufbricht.

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