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Blick in Ur-Weinkeller : Punsch ist fast so alt wie die Menschheit

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Der älteste Weinkeller der Welt: Im Laser-Licht leuchten die Krüge, in denen zur Bronzezeit kanaanitische Fürsten das ’flüssige Gold’ in ihrem Palast lagerten. Bild: Andrew Koh

Der älteste Weinkeller der Welt ist in Israel entdeckt und bis aufs Kleinste analysiert worden. Nun ist klar: Die Kanaaniter tranken gern gewürzt. Und es gab viel Wein. Das löste wohl aber auch eine Urangst aus.

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          „Noah aber, der Ackermann, pflanzte als Erster einen Weinberg. Und da er von dem Wein trank, ward er trunken und lag im Zelt aufgedeckt. Als nun Ham, Kanaans Vater, seines Vaters Blöße sah, sagte er’s seinen beiden Brüdern draußen.“ So beginnt der Bericht des Alten Testaments über die Erfindung des Weins. Nach rührenden Sätzen darüber, wie die beiden Noah bedeckten, geht es rätselhaft drohend weiter: „Als nun Noah erwachte aus seinem Rausch und erfuhr, was ihm sein jüngster Sohn angetan hatte, sprach er: Verflucht sei Kanaan und sei seinen Brüdern ein Knecht aller Knechte!“

          Ganz so wirksam, wie es die Bibel suggeriert, dürfte dieser Fluch nicht gewesen sein. Denn vor einem Jahr entdeckten Archäologen im heutigen Israel bei Tel Kabri in Galiläa einen kanaanitischen Palast - und mit ihm den ältesten bisher bekannten Weinkeller der Welt. In ihm waren vierzig Weinkrüge mit einem Fassungsvermögen von insgesamt zweitausend Litern gelagert, gekeltert vor 3850 Jahren. Mit anderen Worten: Während der mittleren Bronzezeit war Kanaan ein Land mit hochstehender Kultur, regiert von Fürsten, deren Sitten denen der weinseligen Residenzen Altägyptens und des Zweistromlands nicht nachstanden.

          Jeder Krug im Weinkeller wurde kartiert.
          Jeder Krug im Weinkeller wurde kartiert. : Bild: Andrew Koh

          Vor einem Jahr vermuteten die Wissenschaftler nur, dass die Gefäße einst Wein enthielten. Nun sind sie sicher: Vor zwei Tagen veröffentlichten der Chemiker und Archäologe Andrew Koh und sein Team eine Studie, in der die Analysen der in den Krügen gefundenen Rückstände aufgelistet und spezifiziert sind. Jetzt steht fest, dass sämtliche Tonkrüge mit Wein gefüllt waren. Als Zusätze wurden Terebinthen-Harz, Honig, Minze und Wacholder festgestellt.

          Letzteres entspricht den Rezepturen, die aus altägyptischen und babylonischen Schriften bekannt sind. Damit ist ein weiterer Beweis für den regen kulturellen Austausch Kanaans mit diesen Großmächten der Bronzezeit gefunden; vielleicht sogar für die Vermittlerstellung, die das Land innehatte.

          Geradezu begeistert zeigen sich die Wissenschaftler davon, dass sie derart ausgefeilte Konservierungstechniken und raffinierte Würzmischungen der Kanaaniter herausfanden. Das Züchten von Rebsorten, das Verständnis für Gärungsprozesse und das Geschmacksniveau seien im bronzezeitlichen Kanaan außergewöhnlich differenziert und raffiniert gewesen, erklären Koh und seine Mitarbeiter. Der Ruf des kanaanitischen Weins muss in biblischer Zeit auch die Israeliten erreicht haben. Doch als sie sich um 1230 vor Christus anschickten, Kanaan zu erobern, sprachen sie nur vom Land, in dem „Milch und Honig fließen“. Ein seit Noah verwurzeltes Misstrauen gegen den „kanaanitischen“ Rausch? Andererseits heißt es, die Kundschafter des Moses hätten in Kanaan „am Bach Eschkol“ eine Weintraube abgeschnitten, die so groß gewesen sei, dass man sie „zu zweien auf einer Stange“ hätte tragen müssen. Ob in diesem Zwiespalt eine anthropologische Urangst vor der enthemmenden Wirkung des Alkohols Ausdruck gefunden hat, werden Archäologen und Anthropologen ergründen. In Israel jedenfalls denkt man nun daran, kanaanitischen Wein nachzuzüchten und nach dem Vorbild der antiken Rezepturen zu würzen.

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