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: Vorsitzender der Pfauentruppe

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Henry Corbin ist einer der wenigen Europäer, nach denen in Teheran eine Straße benannt ist. Gesäumt von alten Villen und Lehmmauern geht die Gasse im Herzen des historischen Stadtzentrums von einer Allee namens Neauphle-le-Château ab.

          9 Min.

          Von Alessandro Topa

          Henry Corbin ist einer der wenigen Europäer, nach denen in Teheran eine Straße benannt ist. Gesäumt von alten Villen und Lehmmauern geht die Gasse im Herzen des historischen Stadtzentrums von einer Allee namens Neauphle-le-Château ab. Eine kleine katholische Kirche sowie die Botschaften Italiens und Frankreichs liegen in unmittelbarer Nähe.

          Neauphle-le-Château: Das ist das Dorf bei Versailles, in dem sich Ajatollah Chomeini ab dem 8. Oktober 1978 eine Kommunikationszentrale einrichten konnte, deren massenmediale Funktionalität nicht unwesentlich dazu beitrug, aus der iranischen eine islamische Revolution zu machen. Henry Corbin hingegen war tags zuvor in Paris gestorben. Von 1945 bis 1977 hatte der Professor der École Pratique des Hautes Études den Herbst in Teheran verlebt, um Manuskripte zu editieren und islamische Philosophie zu lehren. Nun tobte die Revolution, und bald würde jener Islam, den er für ein Phänomen der Verwestlichung halten musste, seinen grausamen Triumphzug beginnen: der politische.

          Dem rechten Winkel, in dem Corbin und Chomeini im Teheraner Straßenbild aufeinanderprallen, entspricht in der Rhetorik der Ideengeschichte die Figur des Chiasmus: Während einer der bedeutendsten Orientalisten des zwanzigsten Jahrhunderts in seiner Forschung jahrzehntelang das Bild eines spekulativen Islams zeichnete, dessen Innerstes nicht durch die Scharia, sondern durch Mystik (erfan) und Theosophie (hekmat ilahiya) zum Ausdruck kommen sollte, kehrte Chomeini wie ein Robespierre redivivus nach Teheran zurück, um sein Volk durch das Fegefeuer des politischen Terrors zur Theokratie zu führen. Am Schnittpunkt dieses Chiasmus wären Begriffe wie Imam, velayat und Antimodernismus zu verzeichnen, die im Denken beider zentral waren. Oder aber, in erster Annäherung an eine eigentümliche coincidentia oppositorum, drei philosophische Szenen.

          Die erste markante Szene: Am 8. März 1947 wird Henry Corbin mit dem französischen Kulturattaché eine Audienz im Golestan-Palast gewährt. Es ist das erste Gespräch des damals Dreiundvierzigjährigen mit dem siebenundzwanzigjährigen Schah. Corbin war im Herbst 1939 zu einem kurzen Forschungsaufenthalt nach Istanbul entsandt worden, der am Ende sechs Jahre dauerte. Dem Schüler des Mediävisten Étienne Gilson und des Orientalisten Jules Massignon scheint das unbeabsichtigte, keinesfalls aber unfreiwillige Exil nicht weiter belastet zu haben, konnte er doch die Kriegsjahre nutzen, um sich in die Werke jenes Schihabaddin Suhravardi zu vertiefen, dessen Manuskripte er ursprünglich bloß hatte sichten und ablichten wollen. Der iranische Theosoph, der 1191 auf Befehl Saladins mit nur siebenunddreißig Jahren als Ketzer in Aleppo hingerichtet wurde, sollte Corbins "geistiges Schicksal, diese Welt zu durchwandern", nachhaltig prägen, denn die Synthese platonischer, islamischer und zoroastrischer Elemente, auf die er in dessen Denken stößt, erschließt ihm Iran als "mittlere und vermittelnde Welt", mithin als Zentrum und Brücke zwischen Religionen, Kulturen und Zeiten. Noch 1945 gibt er den ersten Band der "Opera metaphysica et mistica" Suhravardis heraus.

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