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: Sie konnten zusammen nicht mehr sein

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Der letzte Hymnus auf Anno II. ist verklungen. Jeden Freitag nach der Vesper hatten die Siegburger Benediktiner ihn angestimmt, jahrhundertelang. Dabei waren sie durch die Kirche ihrer Abtei in die kleine Seitenkapelle geschritten, ...

          Von Johannes Schmitz

          Der letzte Hymnus auf Anno II. ist verklungen. Jeden Freitag nach der Vesper hatten die Siegburger Benediktiner ihn angestimmt, jahrhundertelang. Dabei waren sie durch die Kirche ihrer Abtei in die kleine Seitenkapelle geschritten, die den Schrein mit den Gebeinen des dreiunddreißigsten Erzbischofs von Köln beherbergt.

          Am Ende lebten hier nur noch zehn Mönche. Zu wenige, um die riesige Klosteranlage wirtschaftlich betreiben zu können: 14 000 Quadratmeter umbauter Raum, der zum allergrößten Teil leer steht. Nach den Kriegszerstörungen war das Gemäuer mit bescheidenen Mitteln wieder hochgezogen worden. Eine heute dringend notwendige Kernsanierung könnte leicht vierzig Millionen Euro kosten.

          Zu wenige Mönche waren es am Ende aber auch, um eine Gemeinschaft weiter zu tragen, die offenbar so brüchig geworden war, dass ihre Mitglieder sich selbst dafür entschieden haben, einen Schlussstrich unter das Leben als Konvent zu ziehen. Die Patres und Fratres verlassen in diesen Wochen den vierzig Meter über der Stadt Siegburg gelegenen Michaelsberg, auf dem ihre Abtei steht. Sie gehen nun getrennte Wege, einige in andere Klöster, manche in Altenheime.

          Der Anno-Schrein aber bleibt erst einmal auf dem Berg. Das entspricht dem Willen des Kirchenfürsten, der im Jahr 1075 gestorben ist. Die Siegburger Abtei hatte er im Jahr 1064 gegründet, sie seitdem immer wieder als Rückzugsort aufgesucht und sich schließlich dieses Kloster zur letzten Ruhestätte auserkoren.

          Möglicherweise tat er das auch, weil er ahnte, dass er selbst als Toter in seinem Bischofssitz Köln nicht gelitten sein würde. Selbst als Anno im Jahr 1183 heiliggesprochen wurde, hatten die Kölner ihm noch nicht verziehen, wie er sie behandelt hatte. Das ohnehin schlechte Verhältnis der Bürger zu ihrem geistlichen und weltlichen Herrscher eskalierte im Jahr 1074, als Anno willkürlich das Schiff eines Kaufmanns beschlagnahmte. Die Stadt lehnte sich auf und vertrieb ihren Erzbischof. Der kam allerdings schon wenige Tage später wieder, nicht als geistliche Autorität, sondern als militärisch aufgerüsteter weltlicher Herrscher, der blutige Rache übte und Aufständische blenden ließ, so dass viele Kaufleute empört die Stadt verließen.

          Geradezu zynisch liest sich daher das Annolied, jene vermutlich von einem Siegburger Mönch kurz nach dem Tod des Erzbischofs verfasste Huldigung, die wohl schon auf dessen Heiligsprechung hin angelegt war. Die Dichtung erwähnt einen Knecht, der sich mit dem Teufel eingelassen habe und daher auf Anno fluchte und ihm nachsagte, in Sünden gelebt zu haben. Der Zorn des Himmels ließ nicht lange auf sich warten: Dem Anno-Kritiker fielen beide Augen aus. Doch dann bekehrte sich der wie von Gottes Hand Geblendete und erflehte Annos Beistand. Und siehe da: "In den leeren Augenhöhlen / wuchsen wieder neue Augen", berichtet das Annolied (hier in der Übersetzung von Eberhard Nellmann). Ein Wunder also, hervorgerufen durch die Anrufung Annos. Überhaupt wusste der Verfasser des Lobgesangs sehr genau, wo es die Geschichte zu klittern galt: "Glücklich war das Volk von Köln / als es eines solchen Bischofs wert." Und an anderer Stelle: "Den Kölnern schenkte er sein Wohlwollen. / Dass er ihr Feind war - wie sehr war das ihre Schuld gewesen."

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