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: Sie konnten zusammen nicht mehr sein

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Sosehr die Abtei für die Stadt Siegburg und die Region südlich von Köln ein Identifikationspunkt ist, so wenig hat sie in den vergangenen Jahrzehnten als geistliches Zentrum gewirkt. Frater Stephan, der Pförtner der Gemeinschaft, berichtet von einer Frau, die die Befürchtung geäußert hatte, dass in Zukunft die Glocken der Abteikirche nicht mehr läuten würden. "Die läuten seit Jahrzehnten, und es kommt keiner", habe er ihr geantwortet. Die Anteilnahme der Bevölkerung fand Frater Stephan nicht immer ganz ehrlich. Der Stadt bleibe die Immobilie immerhin als Wahrzeichen. "Aber wo bleiben wir mit unseren paar Habseligkeiten?", fragt er.

Dass das Kloster keine weite Ausstrahlung hatte, ist auch Pater Christian Dieckmann bewusst. Dem Fünfunddreißigjährigen fiel in den vergangenen Monaten die undankbare Aufgabe zu, die Auflösung des Konvents zu verwalten, in den er vor neun Jahren eingetreten war. Dabei konnte er auf die Unterstützung seines fast doppelt so alten Mitbruders Albert Altenähr aus Kornelimünster bei Aachen zählen, dem nächstgelegenen Benediktinerkloster der Kongregation von Subiaco. Pater Albert als externer Beobachter schätzt die Stimmung der verbliebenen zehn Siegburger Benediktiner während ihrer letzten gemeinsamen Monate so ein, dass es an der Zeit gewesen sei, die Auflösung des Konvents zu vollziehen.

In einem der Räume der Abtei hängt eine Tafel mit einem in diesen Tagen besonders bedenkenswerten Satz des Ordensstifters Benedikt von Nursia: "Niemals an der Barmherzigkeit Gottes verzweifeln." Zur Verzweiflung neigen die Mönche nach außen hin nicht. Sie wissen, dass sie nicht das erste Kloster sind und auch nicht das letzte sein werden, das sich selbst aufhebt. Schmerzvoll ist der Abschied vom Leben als Ordensgemeinschaft gleichwohl. "Es hat mich sehr getroffen", sagt Pater Mauritius. Kirche sei immer Gemeinschaft. Man könne durchaus unterschiedlicher Meinung sein, "aber nicht entweder oder". Doch die verbliebenen zehn Mönche konnten keine Übereinkunft mehr in der Frage erzielen, wie ein gemeinsames Leben als Glaubensgemeinschaft hätte aussehen können. Ansonsten wäre ein Umzug in eine kleinere Immobilie denkbar gewesen, um die Abtei als materiellen Klotz am Bein loszuwerden.

Bis die Klostergemeinschaft auch formaljuristisch liquidiert ist, wird noch ziemlich genau ein Jahr vergehen. So lange bleibt als letzter Vertreter der Benediktiner Frater Linus auf dem Michaelsberg. Sicherheitshalber hat er Überwachungskameras am Eingang zur Kirche anbringen lassen. Auch wenn in einem Teil der Abtei ein nach wie vor rege frequentiertes Exerzitienhaus der Erzdiözese Köln untergebracht ist, fürchtet der Frater doch, der in der Abteikirche verwaiste Anno-Schrein könnte Begehrlichkeiten wecken.

Bis zum möglichen Einzug der indischen Karmeliter wird die Abteikirche tagsüber geöffnet, der Turm, von dem aus man bei klarem Wetter den Kölner Dom gut sehen kann, aber weiter geschlossen bleiben. Dort in Köln war vor knapp tausend Jahren das Machtzentrum von Erzbischof Anno. Seine letzten Getreuen haben ihn nun an seinem geliebten Zufluchtsort in der ewigen Ruhe allein gelassen.

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