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: Sie konnten zusammen nicht mehr sein

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So historisch umstritten Anno II. bis heute geblieben sein mag, in der Siegburger Abtei hatte er bis zum Schluss treue Freunde. "Je länger ich mich mit ihm beschäftige, desto sympathischer wird er mir", sagt Pater Mauritius Mittler, mit neunzig Jahren das älteste Mitglied des nun aufgelösten Benediktinerkonvents. Die Brutalität Annos will der Pater nicht wegreden, man müsse die Geschichte aber aus ihrer Zeit heraus verstehen. Dass Anno jeden Tag Arme an seinem Tisch eigenhändig bedient und überhaupt Hilfsbedürftigen gegenüber sehr großzügig gewesen sein soll, beeindruckt ihn. Und für das schlechte Verhältnis von Anno zu den Kölnern hat der Pater einen verblüffenden Erklärungsansatz: "Es gab damals noch kein Hochdeutsch. Anno sprach Schwäbisch, die Kölner ihr Kölsch. Da waren Probleme vorprogrammiert."

Nicht immer dieselbe Sprache wie ihr Oberhaupt sprechen auch in diesen Tagen manche Katholiken in und um Köln. Joachim Kardinal Meisner ist weit entfernt von der Popularität, die seine Vorgänger Joseph Frings und Joseph Höffner genossen. Meisner obliegt es nun, dafür zu sorgen, dass die Siegburger Abtei auch nach dem Weggang der Benediktiner ein geistlicher Ort bleibt und nicht etwa in Luxuswohnungen oder ein Hotel umgewandelt wird. Der Erzbischof und die eigenständigen Orden halten eigentlich gerne gegenseitig Abstand zueinander, wie einer der Benediktiner durchblicken lässt. In diesem Fall aber will keiner in Siegburg etwas gegen das Krisenmanagement des Kardinals sagen. Allerdings gilt er konservativen Vereinigungen gegenüber als sehr offen. Als das Gerücht aufkam, Meisner wolle die Legionäre Christi, eine 1941 in Mexiko gegründete Ordensgemeinschaft, nach Siegburg holen, kündigte der Bürgermeister der 40 000 Einwohner zählenden Stadt Widerstand an. Was ihre Abtei angeht, sind die Siegburger sehr empfindlich. Schließlich gilt sie als die Keimzelle der Stadt. Und bei manchen Siegburgern klingt neben der Enttäuschung darüber, dass die Mönche ihr Kloster aufgegeben haben, auch ein vorwurfsvoller Unterton an. Mittlerweile aber ist klar, wie das geistliche Leben auf dem Michaelsberg weitergeht: Eine kleine Schar indischer Karmeliter lässt sich offenbar im Gästehaus des Komplexes nieder. Die Zukunft der riesigen Abteianlage bleibt aber weiter offen.

Zweimal waren die Benediktiner im Lauf ihrer 947 Jahre währenden Abteigeschichte aus Siegburg vertrieben worden, unter Napoleon und von den Nationalsozialisten. Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten die Mönche ihre Abteikirche mit eigenen Händen wieder auf. Jetzt gehen ihre Nachfolger aus freiem Entschluss. Als sie im vergangenen November in einer öffentlichen Erklärung das Ende des Konvents verkündeten, stellten sie sich selbst ein denkbar schlechtes Zeugnis aus: "Es fehlt in jeder Hinsicht an Substanz, aus der ein neuer Anfang benediktinischer Prägung erwachsen könnte."

Da hatten viele noch die Worte des Abtes Raphael im Ohr, der einige Monate zuvor die Gemeinschaft verlassen hatte. Ihm fehle es an "innerer und äußerer Kraft", hatte der Einundfünfzigjährige mitteilen lassen. Dass bei seiner Flucht Privates eine Rolle spielte, ist in Siegburg ein offenes Geheimnis. Doch auch die finanzielle Situation des Konvents hatte ihren Anteil: Nach dem Tod des alten Cellerars wurde klar, dass die Gewerbebetriebe der Abtei (Buchhandlung, Gästehaus und Restaurant) defizitär arbeiteten. Die Mönche entließen die fünfzehn weltlichen Angestellten. Lediglich die Produktion des Abteilikörs läuft immer noch; die Rechte daran aber wurden mittlerweile verkauft.

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