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: Mit Größenwahn gegen den Staatsbankrott

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Ein mächtiger Schwerthieb des Henkers auf dem Richtplatz von Schleswig beendet die steile Karriere des Hamburger Kaufmanns Otto Brüggemann am 5. Mai 1640. Zehn Jahre vor seiner Hinrichtung hatte der weitgereiste und erfolgreiche Holzhändler dem Herzog Friedrich III.

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          Von Axel Pinck und Klaus Martini

          Ein mächtiger Schwerthieb des Henkers auf dem Richtplatz von Schleswig beendet die steile Karriere des Hamburger Kaufmanns Otto Brüggemann am 5. Mai 1640. Zehn Jahre vor seiner Hinrichtung hatte der weitgereiste und erfolgreiche Holzhändler dem Herzog Friedrich III. von Schleswig-Holstein ein gewagtes Projekt vorgeschlagen. Und stand plötzlich in des Fürsten Gunst.

          Brüggemann wollte in den Seidenhandel einsteigen, der exorbitante Gewinne versprach. Neben ostasiatischen Stoffen aus China und Japan war im Europa jener Zeit vor allem Seide aus Persien gefragt. Englische, portugiesische, vor allem aber Händler der Holländisch-Ostindischen Kompanie kämpften gegeneinander um den lukrativen Rohstoff für die in allen Ländern Europas aufblühenden Luxusmanufakturen. Mehrere tausend Tonnen Rohseide pro Jahr waren notwendig, um die Bedürfnisse des Adels und des wohlhabenden Bürgertums nach edler Wäsche, Bekleidung und kostbarer Innendekoration zu befriedigen. Rund 85 Prozent davon kamen über Persien. Dort herrschte seit mehr als hundert Jahren die Dynastie der Safawiden. Insbesondere Schah Abbas, der bis 1629 gut vierzig Jahre lang an der Macht gewesen war, gelang es, Persien zu einem mächtigen Staat zu formen.

          Ein Erfolg von Brüggemanns Plan hätte den durch Sturmfluten, Pest, den noch wütenden Dreißigjährigen Krieg und teure Hofhaltung zerrütteten Haushalt des Herzogtums Schleswig-Holstein mit einem Schlag saniert. Den Hamburger Kaufmann selbst lockte die Chance auf hohe Profite und die Aussicht, mit einigen mächtigen Herrschern seiner Zeit an einem Tisch zu sitzen. Das kleine Fürstentum sollte nach Brüggemanns gewagtem Plan den Holländern den Handel mit der Seide abjagen. Seine Idee war, die gefährlichen und teuren Transportrouten über türkisches Gebiet und durchs Mittelmeer oder rund um das südafrikanische Kap durch einen kürzeren Törn über das Kaspische Meer, dann durch Russland und schließlich über die Ostsee zu ersetzen. Das im Holsteinischen gelegene Friedrichstadt sollte zum Umschlag- und Stapelplatz zwischen Ost- und Nordsee ausgebaut werden und mittelfristig Amsterdam das Wasser abgraben.

          Das war ein Unterfangen mit vielen Unbekannten und großen Risiken. Doch den Schleswiger Herzog beunruhigte die chronische Finanzklemme des Hofes viel mehr. Brüggemanns Strategie erschien ihm kühn, aber plausibel. Außerdem verfügte der dynamische Kaufmann aus Hamburg über Erfahrungen im Fernhandel und das richtige Netzwerk. Brüggemann war mit dem Revaler Ratsherrn Johann Müller verwandt. Dessen Schwiegersohn Philipp Crusius, der zusammen mit Brüggemann den Plan realisieren sollte, gehörte zum engsten Beraterkreis des Schleswiger Herzogs. Auch Adam Olearius, dessen späterer Hofmathematiker, Erschaffer des berühmten Gottorfer Globus und damals designierter Sekretär der bevorstehenden Handelsgesandtschaft nach Persien, war ein Schwiegersohn Müllers. Und schließlich arbeitete ein Schwager von Brüggemann als geachteter Uhrmacher am Hof des persischen Schahs in Isfahan.

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